define('DISALLOW_FILE_MODS', true); NATURWISSENSCHAFT UND GLAUBEN e.V. – Seite 4 – Der im Jahr 2000 gegründete, gemeinnützige Verein setzt sich ein für den offenen Dialog zwischen Naturwissenschaft und Glaube Zum Hauptinhalt springen
Veranstal­tungen

Ankündigung/Nachlese von Veranstaltungen an denen wir beteiligt sind

Aufsätze/ Vorträge

aus dem Grenzbereich von Naturwissenschaft und Glauben

Teilhard de Chardin

geb. 1. Mai 1881
gest. 10. April 1955

Pandemie

Die Übertragungswege von Corona-Viren

Wie jeder zur Verringerung von Infektionen, Toten und Einschränkungen beitragen kann (Dez. 2020)

Erstmals sollen jetzt Landkreise, die im 7°Tage-Neuinfektionswert wieder unter 50 pro 100000 Einwohner fallen, die Möglichkeit erhalten, begrenzte Lockerungen der aktuell beschlossenen Kontaktsperren durchführen zu können. Das heißt jede Person, die sich nicht mit dem hochansteckenden Corona-Virus (Sars-CoV-2) infiziert, wirkt daran mit, dass in ihrer Region nicht nur die Corona-Todeszahlen und Krankenhausaufenthalte, sondern auch die Einschränkungen des täglichen Lebens wieder schneller zurückgeführt werden können.

Genauso wichtig wie Vermeidung unnötiger Kontakte ist dafür, dass bei allen dennoch stattfindenden Kontakten das Risiko von Ansteckung und Weitergabe von Infektionen so klein wie möglich gehalten wird. Die dazu nötigen Verhaltensmaßnahmen sind im Alltag zwar lästig, greifen im Vergleich zu den Kontaktverboten aber deutlich weniger in die Freiheitsrechte von Menschen und in die Erwerbsmöglichkeiten vieler Wirtschaftszweige ein. Wenn wir diese soweit wie möglich erhalten wollen, verlangt das von uns allen eine gesteigerte Aufmerksamkeit und gegenseitige Rücksichtnahme – eventuell sogar ein spezifisches Training, um verbleibende Kontakte so Corona-gerecht wie möglich zu gestalten.

Auf dem Weg zu einem persönlich optimalen Verhalten können die immer wieder angeführten AHA-Regeln (Abstand halten, Hygiene und Alltagsmasken) nur als erste Leitlinie dienen. Es lohnt sich zusätzlich, die Übertragungswege genauer zu kennen, um sie im täglichen Umgang mit anderen Menschen so effektiv wie möglich zu unterbinden. Bei den Übertragungswegen lassen sich 3 Problemkreise unterscheiden, die man weitgehend unabhängig voneinander bewerten und bekämpfen kann. Die gute Nachricht ist dabei, dass nach neuesten Erkenntnissen erst die Aufnahme von etwa 500 Viren in den Nasen und Rachenraum im Durchschnitt zu einer Ansteckung führt (Bergthaler, CeMM Wien, 2020). Diese Zahl kommt in den 3 Problemkreisen auf unterschiedliche Art und Weise und in einem anderen Zeitrahmen (Sekunden, Minuten, Stunden) zustande.

  1. Ansteckung über Tröpfchen (Sekundenbereich, >5 µm)

Das ist der auch für andere Erkältungsviren bekannteste und häufigste Übertragungsweg. Dabei handelt es sich in der Regel um Speichel- oder Sekret-Tröpfchen ab einer Größe von 5 µm, die Menschen beim Sprechen oder Niesen von sich geben und zumeist innerhalb weniger Sekunden zu Boden sinken. Zahl und Geschwindigkeit dieser Tröpfchen hängt von der Lautstärke sowie von der Art und Weise des Sprechens ab.

Bei lautem Singen oder gezieltem Rufen können Tröpfchen bis zu 4, im Extremfall bis 8 Meter (m) erreichen. Da bei normalem Sprechen Tröpfchen kaum weiter als 1 m weit fliegen, reichen Sicherheitsabstände von 1.5 – 2 m, wenn sie konsequent eingehalten werden. Man kann diesen Sicherheitsabstand zwar kurzfristig unterschreiten, darf dann aber solange einfach nicht sprechen oder husten! Das wird leider am häufigsten missachtet.

Das gefährliche an den Tröpfchen ist, dass schon ein einziges Wort eines infektiösen Menschen zur falsche Zeit ungeschützt ausgesprochen in einer Sekunde zur Übertragung tausender Viren auf zu nah stehende Personen führen kann. Trägt der Infektiöse eine einfache Alltags-Maske, werden Tröpfchen durch diese stark abgebremst und nur ein kleiner Teil kann an den Rändern kaum weiter als 20 cm entweichen.

Das heißt, wenn man glaubt, dass ein Gegenüber dich wegen Abstand und Maske nicht versteht, dann darf man auf keinen Fall diese Maske kurz hochnehmen, was man leider oft sieht. Genau umgekehrt muss die Devise sein. Kommt man auch nur kurzzeitig Menschen zu nahe, dann muss man um zu Sprechen eine Maske aufzusetzen. Erst wenn diese sicher sitzt und gar eine FFP2-Maske ist, dann kann man zur besseren Verständigung den Abstand kurzzeitig unterschreiten (minimal 30-50cm). Da der Flug von größeren Tröpfchen bei normalen Bedingungen nur wenig von Wind beeinflusst wird, bleibt Abstandhalten und Maskentragen aber auch außerhalb von Gebäuden wichtig. Vor allem bevor man lauter reden oder gar rufen will, ist stets darauf zu achten, dass man weit genug von anderen Menschen entfernt ist. Diese Abstandskontrolle muss eventuell sogar trainiert werden.

Vor allem bei Mitarbeitern im Verkauf gibt es im Kontakt zu Kunden oft Gelegenheit, dass diese Regel missachtet wird. Der Hinweis der Mitarbeiter, dass das bei einem 8-Stunden-Tag lästig oder gar eine zu große Belastung sei, ist bei allem Verständnis für deren Situation nicht akzeptabel und muss eher als Argument dafür gewertet werden, dass der Hygieneplan des Geschäfts unzureichend ist und es notfalls sogar geschlossen werden muss.

2. Ansteckung durch verdichtete Aerosolwolken (Minutenbereich, <5µm)

In geschlossenen Räumen oder bei völliger Windstille außerhalb kommen weitere Übertragungswege hinzu. Intensives längeres Unterhalten auch bei geringer Lautstärke und Alltagsmaske führt zum Aufbau von Aerosolwolken. Das sind unsichtbare Mikrotröpfen, die nicht unmittelbar zu Boden fallen, sondern nur eine Sinkgeschwindigkeit von weniger als 1 cm pro Sekunde haben. Bis solche Aerosolwolken ohne Mithilfe von Wind sich auflösen oder weit genug absinken, kann notfalls über eine Minute vergehen.

In dieser Zeit können sich neue Menschen gerade an den Stellen befinden, wo vorher ein infektiöser Mensch sich längere Zeit unterhalten hat. Das könnte z.B. an Kassen sein oder an stark genutzten Verkaufsstellen bzw. in anstehenden Schlangen, in denen man sich unterhält. Da solche Wolken unsichtbar sind und gerade bei geringer Bewegung vom Menschen und Luft am längsten bestehen bleiben, wird dieses Risiko häufig unterschätzt.

Zusätzlich zum Abstandhalten gilt es an solchen Orten möglichst wenig zu reden, auch nicht mit dem Handy, da auch das Aerosolwolken erzeugt. Abhilfe kann schon eine leichte Luftbewegung aufgrund eines offenen Fensters oder Fächerns, notfalls mit der Hand, verschaffen. Eine Alltagsmaske schützt dagegen nur wenig, da man an der Maske vorbei, oft sogar intensiver als ohne Maske atmet. FFP2-Masken schützen hier deutlich besser, da diese Aerosole zu hohem Prozentsatz in solchen Masken hängen bleiben.

Auch wenn Aerosole aufgrund ihrer Größen nur wenige Viren enthalten, kann aufgrund der verdichteten Menge eine für Infektionen ausreichend hohe Anzahl (über 500) eingeatmet werden. Da es dazu meist viele Atemzüge bedarf, macht es Sinn an solchen Stellen nicht zu lange zu verweilen bzw. auch Gespräche nicht zu lange an einer Stelle zu führen; z.B. einen Kassenbereich schnell wieder zu verlassen.

3. Ansteckung in Räumen mit aerosolbelasteten Luftmengen (Stundenbereich, < 1µm)

Aerosole unter 1 µm bleiben teilweise über Stunden in der Luft und nehmen so wie das CO2 in einem geschlossenen Raum mit Menschen laufend zu, was bei einer hohen Personendichte den typischen Eindruck verbrauchter Luft verursacht. Wenn sich in diesem Raum eine oder gar mehrere infektiöse Personen befinden, liefern sie einen zunehmenden Beitrag zu den Aerosolen in dieser Luft. Auch wenn diese Aerosole meist unter 1 µm groß sind und nur wenige Viren enthalten können, wächst beim Einatmen dieser Luft über einen entsprechenden Zeitraum die Wahrscheinlichkeit sich anzustecken.

Einer aktuellen Studie zufolge (Manouk Abkarian et al. 2020, Universität Montpellier) mit einer hochinfektiösen Person in einem Raum von 50m³ zeigte, dass allein durch Atmen der Raum nach einer Stunde mit mehreren Tausend Viren pro m³ belastet war. Nach intensivem Husten erhöhte sich der Wert auf mehrere Millionen Viren pro m³. Da bei jedem Menschen bis zu 1 m³ Luft pro Stunde durch Rachen, Mund und Naseschleimhaut strömen, und dabei rund 10% der Aerosole im Körper verbleiben, reicht die bloße Anwesenheit einer hochinfektiösen Person in einem 50m³ Raum (Büro) um sich in dieser Zeit anzustecken. Falls die Person andauernd intensiv hustet oder spricht, würde sich diese Aufenthaltsdauer auf nur wenige Sekunden verkürzen.

Da das im Gegensatz zu den anderen Problemkreisen aber alle Personen z.B. in einer Gaststätte, in einem Klassenraum, einem Zug- oder Flugzeugabteil betrifft, führt das vermehrt zu Hotspots mit größeren Infektionszahlen. Um das zu verhindern, kann man auf Luftaustausch achten, bei dem die mit virenbelastete Aerosole immer wieder herausgefiltert oder durch Lüften aus dem Fenster geleitet werden. Dazu muss jedoch die Luft möglichst vollständig ausgetauscht werden. Das heißt, es muss über mehrere weit geöffnete Fenster oder Türen kurzzeitig eine starke Zugluft entstehen. Wo das nicht geht oder zu inakzeptabler Abkühlung führt, kann man Aerosole mit Luftreinigern effektiv entfernen. Außerdem helfen sie, Heizkosten zu sparen.

Glaubt man Beobachtungen, dass die Aufnahme höherer primärer Virenlasten auch zu schwereren Krankheitsverläufen führen, dann gilt es vor allem dem Kontakt mit möglichen Superspreadern vorzubeugen. Das können nur Menschen sein, die keine Maske tragen und dennoch Husten oder laut Sprechen. Damit sie eine Übertragung hoher Virenlasten verursachen können, muss zusätzlich auch noch der Sicherheitsabstand nicht ausreichen oder man muss sich länger mit ihnen in einem nicht gelüfteten, zu kleinem Raum befunden haben.

Vorbeugen heißt in diesem Fall, auch wenn es uns bei vielen Menschen schwerfällt, davon auszugehen, dass jeder Mensch gerade infektiös sein könnte ohne es auch selbst zu wissen oder noch besser sogar zu erwägen, dass man selbst ein Risiko für andere sein könnte und das geringhalten möchte. Hierzu gehört vor allem, bei kleinstem Verdacht sich angesteckt zu haben, Kontakte zu vermeiden oder gar in Quarantäne zu gehen.

Kaum etwas kann so wichtig sein, dass man sich freiwillig gerne mit Covid19 ansteckt oder andere damit beglückt. Der Schaden einer tödlich verlaufenden Ansteckung lässt sich kaum beziffern. Nimmt man aber allein den Entschädigungsaufwand, den unser Land aufgrund von Abwehrmaßnahmen aufwendet und berechnet den pro Infektion, so liegt der bei über 100000 €. Lohnt es sich nicht dafür einige Zeit lästige Gegenmaßnahmen zu befolgen, damit sich dieser Aufwand nicht noch durch weitere Wellen verdoppelt?

Schöpfung durch Evolution

Tagung der katholischen Akademie Schwerte in Kooperation mit der ND-Region Hellweg
Nachdem viele Veranstaltungen wegen der Covid19-Pandemie abgesagt werden mussten, kann unter dem Titel „Schöpfung durch Evolution – Wie passt unser Glaube zum Weltbild moderner Naturwissenschaften?“ jetzt doch eine Tagung aus dem AK-Bereich stattfinden. Unter entsprechenden Auflagen sind im großen Saal der Akademie bis zu 41 Teilnehmer zugelassen. Die Region Hellweg freut sich, wenn auch Interessenten aus anderen Regionen teilnehmen. Noch sind ausreichend Plätze frei.
Link zur Tagung https://www.akademie-schwerte.de/veranstaltungen/schopfung-durch-evolution-wie-passt-unser-glaube-zum-weltbild-moderner

A K – N E W S L E T T E R (seit 2020)

Der Arbeitskreis „Naturwissenschaft und Glauben“ musste seine Jahrestagung 2020 wegen der Covid-19-Pandemie erstmals um ein Jahr verschieben. Zur Überbrückung der tagungsfreien Zeit gibt er grob im 3-bis 4-monatigen Abstand jetzt einen Newsletter heraus, der an die Mitglieder des Vereins „Naturwissenschaft und Glauben“ automatisch versandt wird. Er enthält neben Infos zu laufenden Aktivitäten von AK und Verein, aktuelle News zu relevanten Themen des Grenzbereichs von „Naturwissenschaft und Glauben“. Im Vordergrund steht dabei das Themenumfeld der Jahrestagungen (2020/2021): „Entdeckung neuer Welten – Exoplaneten und virtuelle Reisen erweitern unser Weltbild“ (2022): Sexuelle Identitäten und Menschenwürde – Humanwissenschaftliche Erkenntnisse erfordern eine neue Sexualmoral.

Der Newsletter kann durch eine kurze Email an gerd.weckwerth@uni-koeln.de kostenlos abonniert oder einzeln auf der AK-Seite des ND heruntergeladen werden. Wir freuen uns auch über Hinweise auf interessante Themen und Beiträge aus unserem Arbeitsfeld.

Forum Wissenschaftsstadt Bonn 2019

Gehirn – Bewusstsein – Person

Funktion des Gehirns Prof. Dr. Christian Steinhäuser, Bonn
Do 17.10.2019 │ 20.00 Uhr s.t., Universität Bonn, Hauptgebäude, Hörsaal VII

Die Funktion des Gedächtnisses PD Dr. Özgür Onur, Köln
Do 07.11.2019 │ 20.00 Uhr s.t., Universität Bonn, Hauptgebäude, Hörsaal VII

Was konstituiert die Person? Prof. Dr. Dieter Sturma, Bonn
Do 14.11.2019 │ 20.00 Uhr s.t., Universität Bonn, Hauptgebäude, Hörsaal VII

Neurodegenerative Erkrankungen (Demenz) Prof. Dr. Anja Schneider, Bonn
Di 19.11.2019 │ 20.00 Uhr s.t., Universität Bonn, Hauptgebäude, Hörsaal VII

AK2019 Anthropozän

Das Anthropozän als Herausforderung für die Menschheit
Bericht von der Jahrestagung des AK Naturwissenschaft und Glaube im hessischen Kloster Salmünster

Noch nie in der Geschichte hatte der Mensch die Erde so im Griff. Überall hinterlässt er seine Spuren. Künftige Generationen werden es in den Sedimenten ablesen können – wenn es dann noch künftige Generationen gibt. Denn die Menschheit ist im Begriff, sich abzuschaffen. Ungebremst laufen derzeit alle ökologischen Trends auf eine Situation zu, die nicht mehr beherrschbar scheint. Verschmutzung, Klimawandel, Artensterben sind die nicht wegdiskutierbaren Anzeichen der drohenden Katastrophe.

Wie kam es dazu, dass das Erdzeitalter, in dem wir seit wenigen Generationen leben, den Name „Anthropozän“ erhielt? Darüber referierte der AK-Leiter Dr. Gerd Weckwerth. Während er am MPI für Chemie in Mainz promovierte, war der Atmosphärenchemiker und spätere Nobelpreisträger, Paul Crutzen, einer der Direktoren. Dieser hat Anfang 2000 als erster darauf hingewiesen, dass das wichtigste Kennzeichen der bisherigen Erdepoche Holozän, die hohe Klimakonstanz, durch den Menschen unübersehbar im 20. Jahrhundert beendet wurde und daher stattdessen vom „Anthropozän“ gesprochen werden sollte.

Weckwerth zeigte, wie man die Anzeichen für neue Erdzeitalter anhand von geochemischen Veränderungen in geeigneten Sedimentgesteinen auffinden kann. Als ein Beispiel nannte er die Kreide-Tertiär (KT)-Grenze, von der er Ende 2018 an neuen Proben aus Berchtesgaden selbst Analysen durchgeführt hat. Diese konnten wie Iridium-Messungen von anderen KT-Aufschlüssen zuvor belegen, dass für die damaligen hohen Aussterberaten (u.a. Dinosaurier) und den folgenden Wechsel zur Erdneuzeit ein bekannter großer Meteoriteneinschlag (vor Mexiko) verantwortlich war.

Er zeigte aber auch Messungen aus See-Sedimenten des 20. Jahrhunderts, an denen er den Anstieg von Schwermetallbelastungen bis 1970 und den anschließenden Rückgang bis 1985 um bis zu zwei Größenordnungen durch Emissionsbeschränkungen der Industrie dokumentieren konnte. Für die dazu nötigen Altersbestimmungen nutzte er dabei u.a. Markierungen mit dem Spaltisotop 137Cs, das durch weltweite Atomwaffenversuche 1963 und den Tschernobyl-GAU 1986 freigesetzt wurde. Der dramatische Rückgang solcher Schwermetallbelastungen ähnlich wie die Abnahme des Ozonlochs aufgrund des weltweiten Verbots von FCKWs (deren schädigende Wirkung u.a. Paul Crutzen erforscht hat) zeigen, dass weltweit Überhand nehmende Risiken durch gezielte Gegenmaßnahmen durchaus gestoppt werden können.

Wie die Natur sich auf längere Sicht auch selbst helfen kann, zeigte der zweite Vortrag von BB Dr. Norbert Luschka, der sich als Biologe mit der Artenvielfalt vor allem von Pilzen beschäftigt hat. Einschneidende Ereignisse, die zu großen Veränderungen von Umweltbedingungen und hohen Aussterberaten geführt haben (Faunenschnitte), konnten von der Natur „weggesteckt“ werden. Im Falle regionaler Ereignisse sind die Arten anschließend umso stärker in das Zerstörungsgebiet wieder eingewandert. Die Arten können sich vor allem bei globalen Umweltveränderungen anpassen.

Das belegt vor allem das erste große Massenaussterben, das schon bei primitiven Einzellern vor 2.5 Milliarden Jahren auftrat. Grund dafür war die hohe toxische Wirkung des freien molekularen Sauerstoffs auf das frühe Leben. Dieser war damals bei der beginnenden oxygenen Photosynthese als Abfallprodukt entstanden. Während sogenannte obligate Anaerobier bis heute saustoffhaltige Umgebungen meiden, haben andere Einzeller die Sauerstoffatmung entwickelt. Sie bildete die Basis der sogenannten Kambrium-Explosion früher Mehrzeller, nachdem der Sauerstoff noch einmal auf bis zu 10% zugenommen hatte.

Nach einer Betrachtung historischer Massenaussterbeereignissen kam Luschka auf den im Mai von der UN vorgelegten ersten Bericht zum globalen Zustand der Artenvielfalt zu sprechen. Darin zeichnet der Weltbiodiversitätsrat (IPBES) ein dramatisches Bild: Von den geschätzt 8 Millionen Tier- und Pflanzenarten weltweit sei rund eine Million vom Aussterben bedroht. Das Ausmaß des Artensterbens sei in der Geschichte der Menschheit noch nie so groß wie heute gewesen – und die Aussterberate nehme weiter zu. Drei Viertel der Naturräume auf den Kontinenten seien vom Menschen schon erheblich verändert worden, in den Meeren bereits zwei Drittel.

Im Programm der Tagung waren anschließend Arbeitsgruppen vorgesehen, die sich neben der Klärung von Fragen aus den Vorträgen mit den Möglichkeiten befassten, was sich den dramatischen Trends des Anthropozäns entgegensetzen lässt. Dabei ging es vor allem um Maßnahmen im Verhalten des einzelnen Menschen, die zur Umlenkung der Trends beitragen können, aber auch um veränderte politische und rechtliche Rahmenbedingungen. Neben Vermeidung von Plastikmüll standen dabei Änderungen im Mobilitäts- und Konsumverhalten besonders zur Diskussion. Eine Gruppe befasste sich mit der Enzyklika „Laudato Si´““, die Papst Franziskus 2015 vorgelegt hat. Ihre positive Wirkung hob auch der prominente Referent desNachmittags, Prof. Ernst-Ulrich von Weizsäcker, besonders hervor. Er begann seinen Vortrag mit vielen in den letzten 70 Jahren weltweit stark ansteigenden, anthropogenen Trends, die u.a. zur Verdrängung und zum dramatischen Rückgang der Wildtiere geführt haben. Betrachtet man das Körpergewicht, so machen diese ähnlich wie in Deutschland nur noch 3% der Lebewesen aus, während der Mensch (30%) und dessen Nutztiere (67%) deutlich überwiegen.

Die Risiken entstehen für Weizsäcker vor allem dadurch, dass wir inzwischen in einer „vollen Welt“ leben, während die Pläne unseres Handelns immer noch aus der Zeit einer nahezu leeren Welt stammen. Dazu gehören vor allem Konzepte aus der Zeit der europäischen Aufklärung wie das der unabhängigen Nationalstaaten und der kolonialen Ausbeutungs- und Raubbau-Ökonomie. Diese wurden noch genährt durch Vorstellungen antiker Kulturen und Religionen vom Wachsen und Mehren oder gar sich die Erde untertan zu machen. In der „vollen Welt“ seien dagegen neue Konzepte nötig, wie Schutzzonen, Fangquoten oder Umgangsverbote, um diese Welt zu erhalten.

Als Antwort auf die schon 1972 vom Club of Rome vorgestellten „Grenzen des Wachstums“ galten zuletzt u.a. die von der UNO im Jahr 2015 vorgelegten 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sus-tainable Development Goals). Da 11 dieser Ziele massive Wachstumsimperative beinhalten, müsse man sogar diese Nachhaltigkeitsagenda der UNO als nicht nachhaltig einstufen. Weizsäcker zog daraus den Schluss, dass das Anthropozän bisher der Inbegriff der Nicht-Nachhaltigkeit sei!

Er sei natürlich auch froh über das Klimaabkommen von Paris. Die Politik sehe aber nur, dass das Erreichen der Klimaziele sehr teuer wird und glaube, dies wieder durch noch mehr Wachstum anbahnen zu müssen. Das sei eine falsche Antwort, vor allem für rund eine Milliarde Menschen, die am Meer wohnen, davon ~800 Millionen allein in Asien. „Wenn die durch steigenden Meeresspiegel (wegen des Abschmelzens der Eisschilde Grönlands und der Antarktis) auf einmal zu Flüchtlingen werden, haben wir ein Problem tausendmal größer als im Jahr 2015!“- „In der Diagnose gut, aber in der Therapie komplette Versager!“ so sieht Weizsäcker bisherige Versuche gemeinsamer Gegenmaßnahmen. Er sieht die Weltgemeinschaft daher nicht nur in politischen Problemen, sondern vor allem in einer philosophischen Krise – und im Volk höre man lieber auf Populisten, statt der Wahrheit ins Auge zu schauen.

Hinzu kommt, dass die Dynamik immer stärker in den Entwicklungsländern liegt. Obwohl Bevölkerungszunahme deren Wirtschaftsentwicklung schwächt, sind in diesen Ländern die höchsten Ausbauraten an Kohlekraftwerken zu verzeichnen. Von 1380 neuen Kohlekraftwerken in Planung oder Bau sind über 1200 in Entwicklungsländern. Daher ist Klimapolitik nur mit Industrieländern weitgehend sinnlos. In einer „neuen Aufklärung“ wird Balance zum wichtigen Prinzip, z.B. zwischen Mensch und Natur, Kurzfrist und Langfrist, Staat und Markt, Gerechtigkeit und Leistungsanreiz, Staat und Religion, Innovation und Bewährtem. Weizsäcker hält daher auch einen ausgleichenden „Budget-Ansatz“, bei dem die Industrieländer radikal die kapitalbezogenen CO2-Emissionen kürzen, die Schwellenländer deutlich weniger und die Entwicklungsländer bis etwa 2040 noch leicht steigen dürfen, für die vielleicht einzige machbare Politikoption.

Statt dem heutigen brutalen Wettbewerb um Innovationsgeschwindigkeit bräuchten wir neben Regulierung der Finanzmärkte einen Ausgleich vor allem zwischen Innovation und Bewährtem, sowie zwischen Mensch und Natur, um Nachhaltigkeit zu erreichen. Systemtheoretisch gesehen, fehle es dem heutigen Markt vor allem an negativen Rückkoppelungsmechanismen, mit denen bspw. die Biologie selbstmörderische Ausschläge verhindert. Auf diesem Prinzip basieren daher viele Vorschläge für den internationalen Kapitalmarkt wie z.B. die Kapitaltransaktionssteuer oder Eurobonds zur Vermeidung von Spekulation gegen schwache Euro-Länder. Dazu gehöre auch der Vorschlag, die CO2- und Rohstoffpreise mindestens parallel zu den Effizienzgewinnen zu verteuern.

Der von Weizsäcker für den Club of Rome mitverfasste Bericht „Wir sind dran“ enthält neben diesen Aspekten zu einer neuen Aufklärung und der Weltwirtschaft aber auch viele Vorschläge, die sich kurzfristiger und regionaler durch persönliches Handeln verwirklichen lassen, wie z.B. ein Umsteuern zu mehr Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft, mehr Energieeffizienz beim Hausbau und einen bescheideneren Lebensstil. Dennoch war es ihm wichtig, am Ende deutlich zu machen, dass Nachhaltigkeit sich nicht im gut gemeinten Appell, fleischlos zu essen oder weniger zu fliegen, erschöpfen darf, sondern nur auf der Systemebene der Politik wirksam umsetzbar ist.

Kann Glauben heilen?

Kann Glaube heilen? Kurzbericht zur Tagung des AK“Naturwissenschaft und Glauben“ vom 24.-26.6.2016 im Kloster  Salmünster 

Fast 60 NDerinnen und NDer fanden sich im ehemaligen Franziskanerkloster Salmünster zusammen, um die Heilkraft des Glaubens zu erkunden, darunter eine ganze Reihe, die erstmals am Arbeitskreis Naturwissenschaft und Glaube teilnahmen. Nach einer Einführung durch Gerd Weckwerth befasste sich der erste Vortrag am Samstag mit religiösem Glauben als positiv wirkendem Faktor in der Evolution des Menschen. Dr. Benjamin Lange als Vertreter von Prof. Dr. Harald Euler präsentierte überzeugend und rhetorisch pointiert die Ergebnisse einschlägiger Forschungen der Evolutionspsychologie. Diese weisen in der Mehrzahl nach, dass religiöser Glaube im Sinne von Vertrauen, Zuversicht und Zu­kunftshoffnung heilend oder zumindest leidmindernd wirkt und sich so in der Evolution durchgesetzt hat. Daran knüpfte Prof. Dr. Michael Haupts, Bundesbruder und Ärztlicher Direktor des Augusta-Hospitals Anholt, an. Er referierte u.a. anhand von Studien über den Placebo-Effekt die nachweislich gesundheitsförderliche Wirkung religiöser Lebenseinstellungen, wies aber auch auf pathologische und krankmachende Formen von Religion hin. Der Schweizer Theologe und einer der Nachfolger von Hans Küng in Tübingen, Prof. Dr. Urs Baumann, erläuterte am Beispiel der Geschichten über die Blindenheilungen im Markus- und Johannes-Evangelium die Heilkraft des Gottesglaubens, die durch Jesus von Nazareth in den Menschen freigesetzt wurde. Durch seine von Gott her wirkende Ausstrahlung vermochte er Menschen in einem ganzheitlichen Sinne sehend zu machen und buchstäblich zum Aufstehen gegen das zuvor als unabänderlich gedeutete Schicksal zu motivieren. In der Schlussdiskussion wurde diese Sicht von Heil und Heilung durch persönliche Erfahrungen bestätigt. Die von Pfarrer Bernd Weckwerth geleitete Eucharistiefeier zum Thema „Der verwundete Heiland“ bildete den spirituellen Höhepunkt der Tagung.

Auf Wunsch der Teilnehmer wird sich das vom 30. Juni bis 2. Juli 2017 in Salmünster geplante Treffen des AK „Naturwissenschaft und Glaube“ voraussichtlich mit dem Thema „Gedächtnis“ befassen und im Jahr darauf mit neuen rekonstruktiven Möglichkeiten des Menschen durch moderne biomedizinische Technologien.

Glauben und Gedächtnis

„Vom glaubenden Gedächtnis, zum Gedächtnis des Glaubens“ Bericht der 33. Jahrestagung des ND-Arbeitskreis „Naturwissenschaft und Glauben“ vom 30.6.-2.7.2017 im Salmünster

Hinter der Formulierung „vom glaubenden Gedächtnis“ stand die Idee, neue Erkenntnisse zur Funktionsweise des Gedächtnisses zu erfahren aber mit Fokus darauf, in welcher Weise das Gedächtnis „glauben“ braucht bzw. „Glauben“ ermöglicht. Mit dem Begriff „Gedächtnis“ ist im neurologischen Sinne zunächst die Fähigkeit des Nervensystems von Lebewesen gemeint, aufgenommene Informationen zu kodieren, zu speichern und wieder abzurufen, oft auch als Erinnerungsvermögen bezeichnet. Die gespeicherten Informationen sind das Resultat bewusster oder unbewusster Lernprozesse, zu denen in geringerem Maße auch primitivere Nervensysteme von Tieren befähigt sind. Komplexität und Umfang möglicher Gedächtnisleistungen haben im Lauf der Evolution bis hin zum Menschen zugenommen. Sie dienen den Lebewesen dazu sich in ihren jeweiligen Lebensräumen zurechtzufinden und ihre Lebensweisen zu stabilisieren.

„Gedächtnis“ (Gedenken) bezeichnet im gesellschaftlichen Sinne aber auch den bewussten Umgang mit Vergangenheit und Geschichte, die sogenannte Erinnerungskultur. Sie wird in Familien, Vereinen, politischen Institutionen und nicht zuletzt in den Kirchen als wesentlicher Bestandteil des Glaubens gepflegt. Darauf bezog sich der zweite Teil des für diese Tagung gewählten Themas „Gedächtnis des Glaubens“. Inwieweit solche kollektive Gedächtnisformen in der Lage sind, größeren Gruppen der Gesellschaft Orientierung und stabilisierende Identität zu verschaffen, war eine der Fragen, die sich diese Tagung gestellt hatte.

Grundlagen der Gedächtnisforschung (Einführung)

In der Einführung wurden die neurologisch erkannten Gedächtnisarten vorgestellt. Das sogenannte Ultrakurzzeitgedächtnis, umfasst die kaum bewussten, sensorischen Gedächtnisse, die unsere Sinnesorgane unterstützen. Erst sie ermöglichen in einen oft nur Millisekunden dauernden Aufbau, dass ein ganzes Bild, ein ganzes Wort, Gerüche, Geschmacks- oder Temperaturempfindungen ausgebildet werden. Diese werden dann im besser bewusste Kurzzeitgedächtnis zugeordnet, benannt und registriert, soweit sie Mustern, Merkmalen, oder Worten entsprechen, die im Langzeitgedächtnis abrufbar gespeichert waren.

Das mit dem Bewusstsein besonders interagierende Kurzzeitgedächtnis ist dabei nur ein notizblockartiger Zwischenspeicher, der im Mittel nur 5-9 Informationseinheiten gleichzeitig für meist weniger als 1 Minute aufnehmen kann. Diese Beschränkungen lassen sich mit einfachen Tests erkennen. Die Teilnehmer wurden dazu aufgefordert zwei 5-stellige Zahlen aufzuschreiben und dem Nachbar nur 10 Sekunden lang zu zeigen. Nach einer Pause von 20 Sekunden in der man zur Erschwerung auch noch eine Langzeit-memorierte Zahl, z.B. die Postleitzahl seines Wohnortes, aufschreiben kann, sollten die beiden gelesenen 5-stelligen Zahlen wieder notiert werden. Den meisten ungeübten Personen gelingt das nicht. Durch optimiertes Training lassen sich die 3 unterschiedlichen Gedächtnisformen aber so miteinander verbinden, dass der Weltrekord für die in 5 Minuten memorierte und anschließend wiedergegebene Ziffernfolge bei 501 steht.

Das für solche Leistungen oft als fotografisch oder eidetisch bezeichnete Gedächtnis ist die Fähigkeit das in dieser fotografischen Weise arbeitende, visuelle Ultrakurzzeit-Gedächtnis länger zu erhalten. Die darin geübten Gedächtnisse weisen dazu verbesserte Neuroplastizität und erhöhte emotionale Aufmerksamkeitspotentiale auf. Davon zu unterscheiden ist die von Gedächtnisprofis oft genutzte primäre Form des Langzeitgedächtnisses, die sich durch assoziative Memorierungsstechniken (z.B. loci-Methode) optimieren lässt.

Die sekundären bzw. lebenslang gespeicherten tertiären Langzeitgedächtnisinhalten werden u.a. im episodischen Gedächtnis mit Fakten und Ereignisse, die zur eigenen Biographie gehören, gespeichert. In Fällen von personaler Amnesie, wird dieses episodische Gedächtnis gelöscht oder vorübergehend unzugängig, während ein Großteil des semantischen Gedächtnisses erhalten bleibt, in dem sogenanntes Weltwissen eines Menschen, wie berufliche Kenntnisse, Fakten aus Geschichte, Politik und Kultur abgespeichert sind.

Während diese Gedächtnisinhalte durch bewusste, explizite Lernprozesse aufgebaut werden, sind die im prozeduralen Gedächtnis gespeicherten Fertigkeiten, Ergebnis impliziter unbewusster und unbeabsichtigter Lernprozesse. Zu diesen in der Regel auch automatisch, ohne Nachdenken eingesetzten motorischen Abläufe gehören u.a. Fahrradfahren, Schwimmen, Tanzen, Skifahren sowie große Teile des Sprachvermögens. Die dazu nötigen impliziten Lernprozesse können schon im frühen Kindesalter ablaufen, auch wenn wir uns im späteren Leben nicht mehr mit Bewusstsein daran erinnern können, weil die dazu nötigen Voraussetzungen (z.B. zeitlich und örtliche Zuordnung) bis zum Alter von etwa 3 Jahren erst aufgebaut werden müssen.

Während das Abrufen von Gedächtnisinhalten (erinnern) genauso wie das abspeichern (kodieren) am besten im aufmerksamen Wachzustand funktioniert, ist für die Erhaltung und Konsolidierung von Gedächtnisinhalten neben bewusstem Rekapitulieren und Einordnen der Schlaf von essentieller Bedeutung. Wie umfangreiche Forschungsprojekte gezeigt haben, geschieht vor allem in traumlosen Tiefschlafphasen eine Umorganisation von Gedächtnisinhalten die entscheidend für deren langfristiges Erlernen und Erinnern sind. Die Forscher nehmen an, dass auch bei erwachsenen Tieren wie beim Menschen das Gehirn während Tiefschlafphasen besonders plastisch ist, es dann Gelerntes besser neuzuordnen und festzuschreiben vermag.

 

Das evolutiv optimierte Gedächtnis (Hauptreferat)

Besonders der intensiven Zusammenarbeit von Philosophie und Hirnforschung ist es zu verdanken, dass sich aus den immer besser erforschten Gedächtnisleistungen in den letzten Jahren auch differenziertere Vorstellungen darüber ergeben, wie und warum sich diese in der Tierwelt bis hin zum Menschen entwickelt haben. Ein Beispiel dafür ist die in Heidelberg begonnene Kooperation des Philosophen Martin Gessmann mit der bekanntesten deutschen Neurobiolologin Hannah Monyer (u.a. Leibniz-Preisträgerin von 2004). Resultate dieser Kooperation kann man u.a. dem 2015 gemeinsam publizierten Buch „Das geniale Gedächtnis“ entnehmen. Prof. Gessmann, der inzwischen an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach lehrt, hat die für die AK-Tagung wichtigsten Aspekte den fast 40 Teilnehmern im Kloster Salmünster vorgestellt.

Das Gedächtnis dient nach seinen Worten keineswegs nur der Vergegenwärtigung der Vergangenheit. Vielmehr hilft es uns, sich in der Gegenwart zu orientieren und den besten Weg in die Zukunft zu beschreiten. In jedem Moment wird das Gedächtnis mit neuen Eindrücken, Erfahrungen und Erkenntnissen überhäuft und gestaltet sich nach geeigneten Regeln und Gewichtungen entsprechend um.

Die Wissenschaft beschreibt die zugehörige Leistungsfähigkeit mit der sogenannten Neuroplastizität. Gemeint sind damit sowohl funktionelle Änderungen in den Synapsen, den neuronalen Zellverbindungen, als auch strukturelle Änderungen einzelner Neuronen bis hin zur Zellgenese. Der bisherige Gedächtniszustand wird dabei teils überschrieben und neugeordnet. In gewissem Umfang werden dabei in allen Bereichen der Erinnerungen Teile vergessen oder in neue Zusammenhänge gesetzt. Schon daher kann es in keinem Erinnerungsbereich eine objektiv festgeschriebene Geschichte geben.

Das wurde noch offensichtlicher mit zunehmenden Belegen dafür, dass Erinnerungen erst durch emotionale Kopplungen realisiert und stabilisiert werden, d.h. unvermeidlich nehmen mit der Zeit, subjektiv selektierte Erinnerungslücken und -umdeutungen zu. Selbst schwer demente Menschen können sich deshalb an emotional berührende Melodien und Texte erinnern, allerdings auch an traumatische Erlebnisse.

Langfristig beeinflussen emotional gekoppelte Erinnerungen die Selbsteinschätzung von Einzelmenschen, aber auch die von ganzen Gesellschaften und Kulturen. Sie bildet mehr oder weniger den „roten Faden“ ihrer Existenz. Aus Sicht der Evolution des Menschen gilt, dass auch mit der speziellen Form des Erinnerns ähnlich wie für andere Organe eine optimierte Basis zu einer Art-erhaltenden Zukunft gefunden wurde.

Die neuen Erkenntnisse zur Arbeitsweise unseres Gedächtnisses führten aus Sicht von Prof. Gessman auch dazu, dass die moderne pädagogische Forschung Lernmethoden entwickelt, die auf emotional fundierte Aufmerksamkeit, Motivation und eine dazu passende Lernumgebung achtet. Der Schlüssel zu einem erfolgreichen Lernen ist dabei vor allem die personale Bezogenheit und narrative Einbettung von Inhalten. Daran knüpfen auch viele sogenannten „Mnemotechniken“ wie z.B. die am längsten bekannte Loci-Methode an.

Am Ende seines Vortrags ging Gessmann noch einmal speziell auf das Tagungsthema ein und bestätigte, dass die hohe Bedeutung emotional berührender Erinnerungen, ein wesentlicher Grund für die religiöse Orientierung des Menschen bereits mit frühsten historischen Funden und Aufzeichnungen gewesen seien. Das gelte auch für die Entwicklung der jüdisch-christliche Religion, die sich durch die sehr emotionale Art der meist erst Generationen später aufgezeichneten Geschichte, eine sowohl nationale wie religiöse Identität geschaffen habe. Der christliche Glaube lebe wesentlich aus dem Gedächtnis an das Leben Jesu, das in emotionalen Geschichten überliefert sei und bis heute in emotional ausgerichteten Riten gefeiert werde.

Erinnerungskultur als Basis einer gemeinsamen Identität (Impulse)

Nachdem die Tagung sich in Anschluss an das Hauptreferat zunächst in kleineren Kreisen u.a. mit der Optimierung und der Erkrankung von Gedächtnissen auseinandergesetzt hat, wurde am Nachmittag aus der Sicht verschiedener Impulse versucht, sich die Bedeutung der Erinnerung für den Aufbau von Identität und Zukunftsgestaltung bewusst zu machen.

Hierzu gehörte ein sprachlicher Impuls, der aus der Wortbedeutung und Herkunft der Wörter eine Idee von Ziel und Zweck von Erinnerungskultur und Gedächtnispflege gab. Ein zweiter Impuls versuchte ausgehend von der Bedeutung des Gedächtnisses als des notwendigen Instrumentes der Orientierung und der Sozialbeziehung zwischen Menschen herzuleiten, wie weit es möglich ist, von einem kollektiven Gedächtnis und einer gemeinsamen Identität zu sprechen. Als zentrales Beispiel hierzu gilt die Umsetzung des Ziels, die jüngeren deutschen Geschichte im kollektiven Gedächtnis auch zukünftiger Generationen zu erhalten.

In einem dritten Impuls wurde versucht, am Beispiel von Zielsetzung und Erinnerungskultur in Heliand und ND darzustellen, in welchem Umfang sich eine eigenständige Identität dieser beiden Verbände entwickeln konnte, bzw. vielleicht gerade wegen der Überalterung bis heute erhalten hat. In einem abschließenden Impuls wurde die Frage der Entwicklung einer eigenen Identität sogar auf das Selbstverständnis des Arbeitskreises „Naturwissenschaft und Glaube“ selbst übertragen. Angesichts immer neuer Erkenntnisse und neuer Techniken, sich in Grundfragen des Glaubens und der Ethik immer wieder neu Orientierung zu verschaffen, gehört seit der Gründung vor mehr als 30 Jahren zur Motivation und speziellen Identität des AKs.

Das gilt insbesondere für die Spiritualität, die angesichts von weltbildlicher Neuorientierung auch eine Weiterentwicklung der geistigen Dimension bedarf, was soweit nötig auch im Gottesdienst der Tagung erkennbar werden soll. Davon war auch das gewählte Thema „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ nicht ausgeschlossen. Die großen Veränderungen im historischen Jesusbild, wie auch in der rituellen Form des gefeierten Gedächtnisses, zeigen, dass es nie um einen objektiv festgeschriebenes Gedächtnis ging und dass Dogmen immer nur den historischen Rahmen einer bestimmten Zeit widerspiegelten. Gerade die Erkenntnis der emotionalen Kopplung von Gedächtnisinhalten sollte deutlich machen, dass religiöse Wahrheiten schon immer subjektiver Natur waren und sich daher auch für das kollektive Gedächtnis des Glaubens keine vermeintliche Objektivität, sondern einfach nur Glaubwürdigkeit anzustreben ist.