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Pandemie

Die Übertragungswege von Corona-Viren

Wie jeder zur Verringerung von Infektionen, Toten und Einschränkungen beitragen kann

Erstmals sollen jetzt Landkreise, die im 7°Tage-Neuinfektionswert wieder unter 50 pro 100000 Einwohner fallen, die Möglichkeit erhalten, begrenzte Lockerungen der aktuell beschlossenen Kontaktsperren durchführen zu können. Das heißt jede Person, die sich nicht mit dem hochansteckenden Corona-Virus (Sars-CoV-2) infiziert, wirkt daran mit, dass in ihrer Region nicht nur die Corona-Todeszahlen und Krankenhausaufenthalte, sondern auch die Einschränkungen des täglichen Lebens wieder schneller zurückgeführt werden können.

Genauso wichtig wie Vermeidung unnötiger Kontakte ist dafür, dass bei allen dennoch stattfindenden Kontakten das Risiko von Ansteckung und Weitergabe von Infektionen so klein wie möglich gehalten wird. Die dazu nötigen Verhaltensmaßnahmen sind im Alltag zwar lästig, greifen im Vergleich zu den Kontaktverboten aber deutlich weniger in die Freiheitsrechte von Menschen und in die Erwerbsmöglichkeiten vieler Wirtschaftszweige ein. Wenn wir diese soweit wie möglich erhalten wollen, verlangt das von uns allen eine gesteigerte Aufmerksamkeit und gegenseitige Rücksichtnahme – eventuell sogar ein spezifisches Training, um verbleibende Kontakte so Corona-gerecht wie möglich zu gestalten.

Auf dem Weg zu einem persönlich optimalen Verhalten können die immer wieder angeführten AHA-Regeln (Abstand halten, Hygiene und Alltagsmasken) nur als erste Leitlinie dienen. Es lohnt sich zusätzlich, die Übertragungswege genauer zu kennen, um sie im täglichen Umgang mit anderen Menschen so effektiv wie möglich zu unterbinden. Bei den Übertragungswegen lassen sich 3 Problemkreise unterscheiden, die man weitgehend unabhängig voneinander bewerten und bekämpfen kann. Die gute Nachricht ist dabei, dass nach neuesten Erkenntnissen erst die Aufnahme von etwa 500 Viren in den Nasen und Rachenraum im Durchschnitt zu einer Ansteckung führt (Bergthaler, CeMM Wien, 2020). Diese Zahl kommt in den 3 Problemkreisen auf unterschiedliche Art und Weise und in einem anderen Zeitrahmen (Sekunden, Minuten, Stunden) zustande.

  1. Ansteckung über Tröpfchen (Sekundenbereich, >5 µm)

Das ist der auch für andere Erkältungsviren bekannteste und häufigste Übertragungsweg. Dabei handelt es sich in der Regel um Speichel- oder Sekret-Tröpfchen ab einer Größe von 5 µm, die Menschen beim Sprechen oder Niesen von sich geben und zumeist innerhalb weniger Sekunden zu Boden sinken. Zahl und Geschwindigkeit dieser Tröpfchen hängt von der Lautstärke sowie von der Art und Weise des Sprechens ab.

Bei lautem Singen oder gezieltem Rufen können Tröpfchen bis zu 4, im Extremfall bis 8 Meter (m) erreichen. Da bei normalem Sprechen Tröpfchen kaum weiter als 1 m weit fliegen, reichen Sicherheitsabstände von 1.5 – 2 m, wenn sie konsequent eingehalten werden. Man kann diesen Sicherheitsabstand zwar kurzfristig unterschreiten, darf dann aber solange einfach nicht sprechen oder husten! Das wird leider am häufigsten missachtet.

Das gefährliche an den Tröpfchen ist, dass schon ein einziges Wort eines infektiösen Menschen zur falsche Zeit ungeschützt ausgesprochen in einer Sekunde zur Übertragung tausender Viren auf zu nah stehende Personen führen kann. Trägt der Infektiöse eine einfache Alltags-Maske, werden Tröpfchen durch diese stark abgebremst und nur ein kleiner Teil kann an den Rändern kaum weiter als 20 cm entweichen.

Das heißt, wenn man glaubt, dass ein Gegenüber dich wegen Abstand und Maske nicht versteht, dann darf man auf keinen Fall diese Maske kurz hochnehmen, was man leider oft sieht. Genau umgekehrt muss die Devise sein. Kommt man auch nur kurzzeitig Menschen zu nahe, dann muss man um zu Sprechen eine Maske aufzusetzen. Erst wenn diese sicher sitzt und gar eine FFP2-Maske ist, dann kann man zur besseren Verständigung den Abstand kurzzeitig unterschreiten (minimal 30-50cm). Da der Flug von größeren Tröpfchen bei normalen Bedingungen nur wenig von Wind beeinflusst wird, bleibt Abstandhalten und Maskentragen aber auch außerhalb von Gebäuden wichtig. Vor allem bevor man lauter reden oder gar rufen will, ist stets darauf zu achten, dass man weit genug von anderen Menschen entfernt ist. Diese Abstandskontrolle muss eventuell sogar trainiert werden.

Vor allem bei Mitarbeitern im Verkauf gibt es im Kontakt zu Kunden oft Gelegenheit, dass diese Regel missachtet wird. Der Hinweis der Mitarbeiter, dass das bei einem 8-Stunden-Tag lästig oder gar eine zu große Belastung sei, ist bei allem Verständnis für deren Situation nicht akzeptabel und muss eher als Argument dafür gewertet werden, dass der Hygieneplan des Geschäfts unzureichend ist und es notfalls sogar geschlossen werden muss.

2. Ansteckung durch verdichtete Aerosolwolken (Minutenbereich, <5µm)

In geschlossenen Räumen oder bei völliger Windstille außerhalb kommen weitere Übertragungswege hinzu. Intensives längeres Unterhalten auch bei geringer Lautstärke und Alltagsmaske führt zum Aufbau von Aerosolwolken. Das sind unsichtbare Mikrotröpfen, die nicht unmittelbar zu Boden fallen, sondern nur eine Sinkgeschwindigkeit von weniger als 1 cm pro Sekunde haben. Bis solche Aerosolwolken ohne Mithilfe von Wind sich auflösen oder weit genug absinken, kann notfalls über eine Minute vergehen.

In dieser Zeit können sich neue Menschen gerade an den Stellen befinden, wo vorher ein infektiöser Mensch sich längere Zeit unterhalten hat. Das könnte z.B. an Kassen sein oder an stark genutzten Verkaufsstellen bzw. in anstehenden Schlangen, in denen man sich unterhält. Da solche Wolken unsichtbar sind und gerade bei geringer Bewegung vom Menschen und Luft am längsten bestehen bleiben, wird dieses Risiko häufig unterschätzt.

Zusätzlich zum Abstandhalten gilt es an solchen Orten möglichst wenig zu reden, auch nicht mit dem Handy, da auch das Aerosolwolken erzeugt. Abhilfe kann schon eine leichte Luftbewegung aufgrund eines offenen Fensters oder Fächerns, notfalls mit der Hand, verschaffen. Eine Alltagsmaske schützt dagegen nur wenig, da man an der Maske vorbei, oft sogar intensiver als ohne Maske atmet. FFP2-Masken schützen hier deutlich besser, da diese Aerosole zu hohem Prozentsatz in solchen Masken hängen bleiben.

Auch wenn Aerosole aufgrund ihrer Größen nur wenige Viren enthalten, kann aufgrund der verdichteten Menge eine für Infektionen ausreichend hohe Anzahl (über 500) eingeatmet werden. Da es dazu meist viele Atemzüge bedarf, macht es Sinn an solchen Stellen nicht zu lange zu verweilen bzw. auch Gespräche nicht zu lange an einer Stelle zu führen; z.B. einen Kassenbereich schnell wieder zu verlassen.

3. Ansteckung in Räumen mit aerosolbelasteten Luftmengen (Stundenbereich, < 1µm)

Aerosole unter 1 µm bleiben teilweise über Stunden in der Luft und nehmen so wie das CO2 in einem geschlossenen Raum mit Menschen laufend zu, was bei einer hohen Personendichte den typischen Eindruck verbrauchter Luft verursacht. Wenn sich in diesem Raum eine oder gar mehrere infektiöse Personen befinden, liefern sie einen zunehmenden Beitrag zu den Aerosolen in dieser Luft. Auch wenn diese Aerosole meist unter 1 µm groß sind und nur wenige Viren enthalten können, wächst beim Einatmen dieser Luft über einen entsprechenden Zeitraum die Wahrscheinlichkeit sich anzustecken.

Einer aktuellen Studie zufolge (Manouk Abkarian et al. 2020, Universität Montpellier) mit einer hochinfektiösen Person in einem Raum von 50m³ zeigte, dass allein durch Atmen der Raum nach einer Stunde mit mehreren Tausend Viren pro m³ belastet war. Nach intensivem Husten erhöhte sich der Wert auf mehrere Millionen Viren pro m³. Da bei jedem Menschen bis zu 1 m³ Luft pro Stunde durch Rachen, Mund und Naseschleimhaut strömen, und dabei rund 10% der Aerosole im Körper verbleiben, reicht die bloße Anwesenheit einer hochinfektiösen Person in einem 50m³ Raum (Büro) um sich in dieser Zeit anzustecken. Falls die Person andauernd intensiv hustet oder spricht, würde sich diese Aufenthaltsdauer auf nur wenige Sekunden verkürzen.

Da das im Gegensatz zu den anderen Problemkreisen aber alle Personen z.B. in einer Gaststätte, in einem Klassenraum, einem Zug- oder Flugzeugabteil betrifft, führt das vermehrt zu Hotspots mit größeren Infektionszahlen. Um das zu verhindern, kann man auf Luftaustausch achten, bei dem die mit virenbelastete Aerosole immer wieder herausgefiltert oder durch Lüften aus dem Fenster geleitet werden. Dazu muss jedoch die Luft möglichst vollständig ausgetauscht werden. Das heißt, es muss über mehrere weit geöffnete Fenster oder Türen kurzzeitig eine starke Zugluft entstehen. Wo das nicht geht oder zu inakzeptabler Abkühlung führt, kann man Aerosole mit Luftreinigern effektiv entfernen. Außerdem helfen sie, Heizkosten zu sparen.

Glaubt man Beobachtungen, dass die Aufnahme höherer primärer Virenlasten auch zu schwereren Krankheitsverläufen führen, dann gilt es vor allem dem Kontakt mit möglichen Superspreadern vorzubeugen. Das können nur Menschen sein, die keine Maske tragen und dennoch Husten oder laut Sprechen. Damit sie eine Übertragung hoher Virenlasten verursachen können, muss zusätzlich auch noch der Sicherheitsabstand nicht ausreichen oder man muss sich länger mit ihnen in einem nicht gelüfteten, zu kleinem Raum befunden haben.

Vorbeugen heißt in diesem Fall, auch wenn es uns bei vielen Menschen schwerfällt, davon auszugehen, dass jeder Mensch gerade infektiös sein könnte ohne es auch selbst zu wissen oder noch besser sogar zu erwägen, dass man selbst ein Risiko für andere sein könnte und das geringhalten möchte. Hierzu gehört vor allem, bei kleinstem Verdacht sich angesteckt zu haben, Kontakte zu vermeiden oder gar in Quarantäne zu gehen.

Kaum etwas kann so wichtig sein, dass man sich freiwillig gerne mit Covid19 ansteckt oder andere damit beglückt. Der Schaden einer tödlich verlaufenden Ansteckung lässt sich kaum beziffern. Nimmt man aber allein den Entschädigungsaufwand, den unser Land aufgrund von Abwehrmaßnahmen aufwendet und berechnet den pro Infektion, so liegt der bei über 100000 €. Lohnt es sich nicht dafür einige Zeit lästige Gegenmaßnahmen zu befolgen, damit sich dieser Aufwand nicht noch durch weitere Wellen verdoppelt?