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Veranstal­tungen

Ankündigung/Nachlese von Veranstaltungen an denen wir beteiligt sind

Aufsätze/ Vorträge

aus dem Grenzbereich von Naturwissenschaft und Glauben

Teilhard de Chardin

geb. 1. Mai 1881
gest. 10. April 1955

AK-Newsletter 2020a

Der Arbeitskreis „Naturwissenschaft und Glauben“ musste seine diesjährige Jahrestagung wegen der Covid-19-Pandemie erstmals um ein Jahr verschieben. Zur Überbrückung der tagungsfreien Zeit gibt er in 2-3 monatigen Abstand jetzt einen Newsletter heraus, der an die Mitglieder des Vereins „Naturwissenschaft und Glauben“ automatisch versandt wird. Er enthält neben Infos zu laufenden Aktivitäten von AK und Verein, aktuelle News zu relevanten Themen des Grenzbereichs von „Naturwissenschaft und Glauben“. Dabei wird neben dem verschobenen Thema der Jahrestagung „Entdeckung neuer Welten – Exoplaneten und virtuelle Reisen erweitern unser Weltbild“ – auch die Weiterführung des Themas von 2019 „Anthropozän“ im Fokus stehen. Der Newsletter kann durch eine kurze Email an gerd.weckwerth@uni-koeln.de kostenlos abonniert oder einzeln auf der AK-Seite heruntergeladen werden. Wir freuen uns auch über Hinweise auf für unser Arbeitsfeld interessante Themen und Beiträge.

ABSAGE DER SCHÖPFUNGSWANDERUNG AM 1. MAI 2020
(traditionell ab Endhaltestelle Köln-Königsforst 10:30 Uhr)

Das Kontaktverbot aufgrund des Corona-Virus macht leider eine Durchführung als Gruppe in diesem Jahr unmöglich. Die Idee einer bewussten Wanderung oder eines Spaziergangs in Gottes Schöpfung ist im Alleingang oder als Hausgemeinschaft durchaus erlaubt. Wir möchten Euch dazu ermuntern und würden uns freuen, wenn wir im nächsten Jahr zur gewohnten gemeinsamen Schöpfungswanderung wieder viele am 1. Mai begrüßen können.

Verein Naturwissenschaft und Glaube + Gesellschaft Teilhard de Chardin (NRW)


Forum Wissenschaftsstadt Bonn 2019

Gehirn – Bewusstsein – Person

Funktion des Gehirns Prof. Dr. Christian Steinhäuser, Bonn
Do 17.10.2019 │ 20.00 Uhr s.t., Universität Bonn, Hauptgebäude, Hörsaal VII

Die Funktion des Gedächtnisses PD Dr. Özgür Onur, Köln
Do 07.11.2019 │ 20.00 Uhr s.t., Universität Bonn, Hauptgebäude, Hörsaal VII

Was konstituiert die Person? Prof. Dr. Dieter Sturma, Bonn
Do 14.11.2019 │ 20.00 Uhr s.t., Universität Bonn, Hauptgebäude, Hörsaal VII

Neurodegenerative Erkrankungen (Demenz) Prof. Dr. Anja Schneider, Bonn
Di 19.11.2019 │ 20.00 Uhr s.t., Universität Bonn, Hauptgebäude, Hörsaal VII

AK2019 Anthropozän

Das Anthropozän als Herausforderung für die Menschheit
Bericht von der Jahrestagung des AK Naturwissenschaft und Glaube im hessischen Kloster Salmünster

Noch nie in der Geschichte hatte der Mensch die Erde so im Griff. Überall hinterlässt er seine Spuren. Künftige Generationen werden es in den Sedimenten ablesen können – wenn es dann noch künftige Generationen gibt. Denn die Menschheit ist im Begriff, sich abzuschaffen. Ungebremst laufen derzeit alle ökologischen Trends auf eine Situation zu, die nicht mehr beherrschbar scheint. Verschmutzung, Klimawandel, Artensterben sind die nicht wegdiskutierbaren Anzeichen der drohenden Katastrophe.

Wie kam es dazu, dass das Erdzeitalter, in dem wir seit wenigen Generationen leben, den Name „Anthropozän“ erhielt? Darüber referierte der AK-Leiter Dr. Gerd Weckwerth. Während er am MPI für Chemie in Mainz promovierte, war der Atmosphärenchemiker und spätere Nobelpreisträger, Paul Crutzen, einer der Direktoren. Dieser hat Anfang 2000 als erster darauf hingewiesen, dass das wichtigste Kennzeichen der bisherigen Erdepoche Holozän, die hohe Klimakonstanz, durch den Menschen unübersehbar im 20. Jahrhundert beendet wurde und daher stattdessen vom „Anthropozän“ gesprochen werden sollte.

Weckwerth zeigte, wie man die Anzeichen für neue Erdzeitalter anhand von geochemischen Veränderungen in geeigneten Sedimentgesteinen auffinden kann. Als ein Beispiel nannte er die Kreide-Tertiär (KT)-Grenze, von der er Ende 2018 an neuen Proben aus Berchtesgaden selbst Analysen durchgeführt hat. Diese konnten wie Iridium-Messungen von anderen KT-Aufschlüssen zuvor belegen, dass für die damaligen hohen Aussterberaten (u.a. Dinosaurier) und den folgenden Wechsel zur Erdneuzeit ein bekannter großer Meteoriteneinschlag (vor Mexiko) verantwortlich war.

Er zeigte aber auch Messungen aus See-Sedimenten des 20. Jahrhunderts, an denen er den Anstieg von Schwermetallbelastungen bis 1970 und den anschließenden Rückgang bis 1985 um bis zu zwei Größenordnungen durch Emissionsbeschränkungen der Industrie dokumentieren konnte. Für die dazu nötigen Altersbestimmungen nutzte er dabei u.a. Markierungen mit dem Spaltisotop 137Cs, das durch weltweite Atomwaffenversuche 1963 und den Tschernobyl-GAU 1986 freigesetzt wurde. Der dramatische Rückgang solcher Schwermetallbelastungen ähnlich wie die Abnahme des Ozonlochs aufgrund des weltweiten Verbots von FCKWs (deren schädigende Wirkung u.a. Paul Crutzen erforscht hat) zeigen, dass weltweit Überhand nehmende Risiken durch gezielte Gegenmaßnahmen durchaus gestoppt werden können.

Wie die Natur sich auf längere Sicht auch selbst helfen kann, zeigte der zweite Vortrag von BB Dr. Norbert Luschka, der sich als Biologe mit der Artenvielfalt vor allem von Pilzen beschäftigt hat. Einschneidende Ereignisse, die zu großen Veränderungen von Umweltbedingungen und hohen Aussterberaten geführt haben (Faunenschnitte), konnten von der Natur „weggesteckt“ werden. Im Falle regionaler Ereignisse sind die Arten anschließend umso stärker in das Zerstörungsgebiet wieder eingewandert. Die Arten können sich vor allem bei globalen Umweltveränderungen anpassen.

Das belegt vor allem das erste große Massenaussterben, das schon bei primitiven Einzellern vor 2.5 Milliarden Jahren auftrat. Grund dafür war die hohe toxische Wirkung des freien molekularen Sauerstoffs auf das frühe Leben. Dieser war damals bei der beginnenden oxygenen Photosynthese als Abfallprodukt entstanden. Während sogenannte obligate Anaerobier bis heute saustoffhaltige Umgebungen meiden, haben andere Einzeller die Sauerstoffatmung entwickelt. Sie bildete die Basis der sogenannten Kambrium-Explosion früher Mehrzeller, nachdem der Sauerstoff noch einmal auf bis zu 10% zugenommen hatte.

Nach einer Betrachtung historischer Massenaussterbeereignissen kam Luschka auf den im Mai von der UN vorgelegten ersten Bericht zum globalen Zustand der Artenvielfalt zu sprechen. Darin zeichnet der Weltbiodiversitätsrat (IPBES) ein dramatisches Bild: Von den geschätzt 8 Millionen Tier- und Pflanzenarten weltweit sei rund eine Million vom Aussterben bedroht. Das Ausmaß des Artensterbens sei in der Geschichte der Menschheit noch nie so groß wie heute gewesen – und die Aussterberate nehme weiter zu. Drei Viertel der Naturräume auf den Kontinenten seien vom Menschen schon erheblich verändert worden, in den Meeren bereits zwei Drittel.

Im Programm der Tagung waren anschließend Arbeitsgruppen vorgesehen, die sich neben der Klärung von Fragen aus den Vorträgen mit den Möglichkeiten befassten, was sich den dramatischen Trends des Anthropozäns entgegensetzen lässt. Dabei ging es vor allem um Maßnahmen im Verhalten des einzelnen Menschen, die zur Umlenkung der Trends beitragen können, aber auch um veränderte politische und rechtliche Rahmenbedingungen. Neben Vermeidung von Plastikmüll standen dabei Änderungen im Mobilitäts- und Konsumverhalten besonders zur Diskussion. Eine Gruppe befasste sich mit der Enzyklika „Laudato Si´““, die Papst Franziskus 2015 vorgelegt hat. Ihre positive Wirkung hob auch der prominente Referent desNachmittags, Prof. Ernst-Ulrich von Weizsäcker, besonders hervor. Er begann seinen Vortrag mit vielen in den letzten 70 Jahren weltweit stark ansteigenden, anthropogenen Trends, die u.a. zur Verdrängung und zum dramatischen Rückgang der Wildtiere geführt haben. Betrachtet man das Körpergewicht, so machen diese ähnlich wie in Deutschland nur noch 3% der Lebewesen aus, während der Mensch (30%) und dessen Nutztiere (67%) deutlich überwiegen.

Die Risiken entstehen für Weizsäcker vor allem dadurch, dass wir inzwischen in einer „vollen Welt“ leben, während die Pläne unseres Handelns immer noch aus der Zeit einer nahezu leeren Welt stammen. Dazu gehören vor allem Konzepte aus der Zeit der europäischen Aufklärung wie das der unabhängigen Nationalstaaten und der kolonialen Ausbeutungs- und Raubbau-Ökonomie. Diese wurden noch genährt durch Vorstellungen antiker Kulturen und Religionen vom Wachsen und Mehren oder gar sich die Erde untertan zu machen. In der „vollen Welt“ seien dagegen neue Konzepte nötig, wie Schutzzonen, Fangquoten oder Umgangsverbote, um diese Welt zu erhalten.

Als Antwort auf die schon 1972 vom Club of Rome vorgestellten „Grenzen des Wachstums“ galten zuletzt u.a. die von der UNO im Jahr 2015 vorgelegten 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sus-tainable Development Goals). Da 11 dieser Ziele massive Wachstumsimperative beinhalten, müsse man sogar diese Nachhaltigkeitsagenda der UNO als nicht nachhaltig einstufen. Weizsäcker zog daraus den Schluss, dass das Anthropozän bisher der Inbegriff der Nicht-Nachhaltigkeit sei!

Er sei natürlich auch froh über das Klimaabkommen von Paris. Die Politik sehe aber nur, dass das Erreichen der Klimaziele sehr teuer wird und glaube, dies wieder durch noch mehr Wachstum anbahnen zu müssen. Das sei eine falsche Antwort, vor allem für rund eine Milliarde Menschen, die am Meer wohnen, davon ~800 Millionen allein in Asien. „Wenn die durch steigenden Meeresspiegel (wegen des Abschmelzens der Eisschilde Grönlands und der Antarktis) auf einmal zu Flüchtlingen werden, haben wir ein Problem tausendmal größer als im Jahr 2015!“- „In der Diagnose gut, aber in der Therapie komplette Versager!“ so sieht Weizsäcker bisherige Versuche gemeinsamer Gegenmaßnahmen. Er sieht die Weltgemeinschaft daher nicht nur in politischen Problemen, sondern vor allem in einer philosophischen Krise – und im Volk höre man lieber auf Populisten, statt der Wahrheit ins Auge zu schauen.

Hinzu kommt, dass die Dynamik immer stärker in den Entwicklungsländern liegt. Obwohl Bevölkerungszunahme deren Wirtschaftsentwicklung schwächt, sind in diesen Ländern die höchsten Ausbauraten an Kohlekraftwerken zu verzeichnen. Von 1380 neuen Kohlekraftwerken in Planung oder Bau sind über 1200 in Entwicklungsländern. Daher ist Klimapolitik nur mit Industrieländern weitgehend sinnlos. In einer „neuen Aufklärung“ wird Balance zum wichtigen Prinzip, z.B. zwischen Mensch und Natur, Kurzfrist und Langfrist, Staat und Markt, Gerechtigkeit und Leistungsanreiz, Staat und Religion, Innovation und Bewährtem. Weizsäcker hält daher auch einen ausgleichenden „Budget-Ansatz“, bei dem die Industrieländer radikal die kapitalbezogenen CO2-Emissionen kürzen, die Schwellenländer deutlich weniger und die Entwicklungsländer bis etwa 2040 noch leicht steigen dürfen, für die vielleicht einzige machbare Politikoption.

Statt dem heutigen brutalen Wettbewerb um Innovationsgeschwindigkeit bräuchten wir neben Regulierung der Finanzmärkte einen Ausgleich vor allem zwischen Innovation und Bewährtem, sowie zwischen Mensch und Natur, um Nachhaltigkeit zu erreichen. Systemtheoretisch gesehen, fehle es dem heutigen Markt vor allem an negativen Rückkoppelungsmechanismen, mit denen bspw. die Biologie selbstmörderische Ausschläge verhindert. Auf diesem Prinzip basieren daher viele Vorschläge für den internationalen Kapitalmarkt wie z.B. die Kapitaltransaktionssteuer oder Eurobonds zur Vermeidung von Spekulation gegen schwache Euro-Länder. Dazu gehöre auch der Vorschlag, die CO2- und Rohstoffpreise mindestens parallel zu den Effizienzgewinnen zu verteuern.

Der von Weizsäcker für den Club of Rome mitverfasste Bericht „Wir sind dran“ enthält neben diesen Aspekten zu einer neuen Aufklärung und der Weltwirtschaft aber auch viele Vorschläge, die sich kurzfristiger und regionaler durch persönliches Handeln verwirklichen lassen, wie z.B. ein Umsteuern zu mehr Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft, mehr Energieeffizienz beim Hausbau und einen bescheideneren Lebensstil. Dennoch war es ihm wichtig, am Ende deutlich zu machen, dass Nachhaltigkeit sich nicht im gut gemeinten Appell, fleischlos zu essen oder weniger zu fliegen, erschöpfen darf, sondern nur auf der Systemebene der Politik wirksam umsetzbar ist.

Kann Glauben heilen?

Kann Glaube heilen? Kurzbericht zur Tagung des AK“Naturwissenschaft und Glauben“ vom 24.-26.6.2016 im Kloster  Salmünster 

Fast 60 NDerinnen und NDer fanden sich im ehemaligen Franziskanerkloster Salmünster zusammen, um die Heilkraft des Glaubens zu erkunden, darunter eine ganze Reihe, die erstmals am Arbeitskreis Naturwissenschaft und Glaube teilnahmen. Nach einer Einführung durch Gerd Weckwerth befasste sich der erste Vortrag am Samstag mit religiösem Glauben als positiv wirkendem Faktor in der Evolution des Menschen. Dr. Benjamin Lange als Vertreter von Prof. Dr. Harald Euler präsentierte überzeugend und rhetorisch pointiert die Ergebnisse einschlägiger Forschungen der Evolutionspsychologie. Diese weisen in der Mehrzahl nach, dass religiöser Glaube im Sinne von Vertrauen, Zuversicht und Zu­kunftshoffnung heilend oder zumindest leidmindernd wirkt und sich so in der Evolution durchgesetzt hat. Daran knüpfte Prof. Dr. Michael Haupts, Bundesbruder und Ärztlicher Direktor des Augusta-Hospitals Anholt, an. Er referierte u.a. anhand von Studien über den Placebo-Effekt die nachweislich gesundheitsförderliche Wirkung religiöser Lebenseinstellungen, wies aber auch auf pathologische und krankmachende Formen von Religion hin. Der Schweizer Theologe und einer der Nachfolger von Hans Küng in Tübingen, Prof. Dr. Urs Baumann, erläuterte am Beispiel der Geschichten über die Blindenheilungen im Markus- und Johannes-Evangelium die Heilkraft des Gottesglaubens, die durch Jesus von Nazareth in den Menschen freigesetzt wurde. Durch seine von Gott her wirkende Ausstrahlung vermochte er Menschen in einem ganzheitlichen Sinne sehend zu machen und buchstäblich zum Aufstehen gegen das zuvor als unabänderlich gedeutete Schicksal zu motivieren. In der Schlussdiskussion wurde diese Sicht von Heil und Heilung durch persönliche Erfahrungen bestätigt. Die von Pfarrer Bernd Weckwerth geleitete Eucharistiefeier zum Thema „Der verwundete Heiland“ bildete den spirituellen Höhepunkt der Tagung.

Auf Wunsch der Teilnehmer wird sich das vom 30. Juni bis 2. Juli 2017 in Salmünster geplante Treffen des AK „Naturwissenschaft und Glaube“ voraussichtlich mit dem Thema „Gedächtnis“ befassen und im Jahr darauf mit neuen rekonstruktiven Möglichkeiten des Menschen durch moderne biomedizinische Technologien.

Glauben und Gedächtnis

„Vom glaubenden Gedächtnis, zum Gedächtnis des Glaubens“ Bericht der 33. Jahrestagung des ND-Arbeitskreis „Naturwissenschaft und Glauben“ vom 30.6.-2.7.2017 im Salmünster

Hinter der Formulierung „vom glaubenden Gedächtnis“ stand die Idee, neue Erkenntnisse zur Funktionsweise des Gedächtnisses zu erfahren aber mit Fokus darauf, in welcher Weise das Gedächtnis „glauben“ braucht bzw. „Glauben“ ermöglicht. Mit dem Begriff „Gedächtnis“ ist im neurologischen Sinne zunächst die Fähigkeit des Nervensystems von Lebewesen gemeint, aufgenommene Informationen zu kodieren, zu speichern und wieder abzurufen, oft auch als Erinnerungsvermögen bezeichnet. Die gespeicherten Informationen sind das Resultat bewusster oder unbewusster Lernprozesse, zu denen in geringerem Maße auch primitivere Nervensysteme von Tieren befähigt sind. Komplexität und Umfang möglicher Gedächtnisleistungen haben im Lauf der Evolution bis hin zum Menschen zugenommen. Sie dienen den Lebewesen dazu sich in ihren jeweiligen Lebensräumen zurechtzufinden und ihre Lebensweisen zu stabilisieren.

„Gedächtnis“ (Gedenken) bezeichnet im gesellschaftlichen Sinne aber auch den bewussten Umgang mit Vergangenheit und Geschichte, die sogenannte Erinnerungskultur. Sie wird in Familien, Vereinen, politischen Institutionen und nicht zuletzt in den Kirchen als wesentlicher Bestandteil des Glaubens gepflegt. Darauf bezog sich der zweite Teil des für diese Tagung gewählten Themas „Gedächtnis des Glaubens“. Inwieweit solche kollektive Gedächtnisformen in der Lage sind, größeren Gruppen der Gesellschaft Orientierung und stabilisierende Identität zu verschaffen, war eine der Fragen, die sich diese Tagung gestellt hatte.

Grundlagen der Gedächtnisforschung (Einführung)

In der Einführung wurden die neurologisch erkannten Gedächtnisarten vorgestellt. Das sogenannte Ultrakurzzeitgedächtnis, umfasst die kaum bewussten, sensorischen Gedächtnisse, die unsere Sinnesorgane unterstützen. Erst sie ermöglichen in einen oft nur Millisekunden dauernden Aufbau, dass ein ganzes Bild, ein ganzes Wort, Gerüche, Geschmacks- oder Temperaturempfindungen ausgebildet werden. Diese werden dann im besser bewusste Kurzzeitgedächtnis zugeordnet, benannt und registriert, soweit sie Mustern, Merkmalen, oder Worten entsprechen, die im Langzeitgedächtnis abrufbar gespeichert waren.

Das mit dem Bewusstsein besonders interagierende Kurzzeitgedächtnis ist dabei nur ein notizblockartiger Zwischenspeicher, der im Mittel nur 5-9 Informationseinheiten gleichzeitig für meist weniger als 1 Minute aufnehmen kann. Diese Beschränkungen lassen sich mit einfachen Tests erkennen. Die Teilnehmer wurden dazu aufgefordert zwei 5-stellige Zahlen aufzuschreiben und dem Nachbar nur 10 Sekunden lang zu zeigen. Nach einer Pause von 20 Sekunden in der man zur Erschwerung auch noch eine Langzeit-memorierte Zahl, z.B. die Postleitzahl seines Wohnortes, aufschreiben kann, sollten die beiden gelesenen 5-stelligen Zahlen wieder notiert werden. Den meisten ungeübten Personen gelingt das nicht. Durch optimiertes Training lassen sich die 3 unterschiedlichen Gedächtnisformen aber so miteinander verbinden, dass der Weltrekord für die in 5 Minuten memorierte und anschließend wiedergegebene Ziffernfolge bei 501 steht.

Das für solche Leistungen oft als fotografisch oder eidetisch bezeichnete Gedächtnis ist die Fähigkeit das in dieser fotografischen Weise arbeitende, visuelle Ultrakurzzeit-Gedächtnis länger zu erhalten. Die darin geübten Gedächtnisse weisen dazu verbesserte Neuroplastizität und erhöhte emotionale Aufmerksamkeitspotentiale auf. Davon zu unterscheiden ist die von Gedächtnisprofis oft genutzte primäre Form des Langzeitgedächtnisses, die sich durch assoziative Memorierungsstechniken (z.B. loci-Methode) optimieren lässt.

Die sekundären bzw. lebenslang gespeicherten tertiären Langzeitgedächtnisinhalten werden u.a. im episodischen Gedächtnis mit Fakten und Ereignisse, die zur eigenen Biographie gehören, gespeichert. In Fällen von personaler Amnesie, wird dieses episodische Gedächtnis gelöscht oder vorübergehend unzugängig, während ein Großteil des semantischen Gedächtnisses erhalten bleibt, in dem sogenanntes Weltwissen eines Menschen, wie berufliche Kenntnisse, Fakten aus Geschichte, Politik und Kultur abgespeichert sind.

Während diese Gedächtnisinhalte durch bewusste, explizite Lernprozesse aufgebaut werden, sind die im prozeduralen Gedächtnis gespeicherten Fertigkeiten, Ergebnis impliziter unbewusster und unbeabsichtigter Lernprozesse. Zu diesen in der Regel auch automatisch, ohne Nachdenken eingesetzten motorischen Abläufe gehören u.a. Fahrradfahren, Schwimmen, Tanzen, Skifahren sowie große Teile des Sprachvermögens. Die dazu nötigen impliziten Lernprozesse können schon im frühen Kindesalter ablaufen, auch wenn wir uns im späteren Leben nicht mehr mit Bewusstsein daran erinnern können, weil die dazu nötigen Voraussetzungen (z.B. zeitlich und örtliche Zuordnung) bis zum Alter von etwa 3 Jahren erst aufgebaut werden müssen.

Während das Abrufen von Gedächtnisinhalten (erinnern) genauso wie das abspeichern (kodieren) am besten im aufmerksamen Wachzustand funktioniert, ist für die Erhaltung und Konsolidierung von Gedächtnisinhalten neben bewusstem Rekapitulieren und Einordnen der Schlaf von essentieller Bedeutung. Wie umfangreiche Forschungsprojekte gezeigt haben, geschieht vor allem in traumlosen Tiefschlafphasen eine Umorganisation von Gedächtnisinhalten die entscheidend für deren langfristiges Erlernen und Erinnern sind. Die Forscher nehmen an, dass auch bei erwachsenen Tieren wie beim Menschen das Gehirn während Tiefschlafphasen besonders plastisch ist, es dann Gelerntes besser neuzuordnen und festzuschreiben vermag.

 

Das evolutiv optimierte Gedächtnis (Hauptreferat)

Besonders der intensiven Zusammenarbeit von Philosophie und Hirnforschung ist es zu verdanken, dass sich aus den immer besser erforschten Gedächtnisleistungen in den letzten Jahren auch differenziertere Vorstellungen darüber ergeben, wie und warum sich diese in der Tierwelt bis hin zum Menschen entwickelt haben. Ein Beispiel dafür ist die in Heidelberg begonnene Kooperation des Philosophen Martin Gessmann mit der bekanntesten deutschen Neurobiolologin Hannah Monyer (u.a. Leibniz-Preisträgerin von 2004). Resultate dieser Kooperation kann man u.a. dem 2015 gemeinsam publizierten Buch „Das geniale Gedächtnis“ entnehmen. Prof. Gessmann, der inzwischen an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach lehrt, hat die für die AK-Tagung wichtigsten Aspekte den fast 40 Teilnehmern im Kloster Salmünster vorgestellt.

Das Gedächtnis dient nach seinen Worten keineswegs nur der Vergegenwärtigung der Vergangenheit. Vielmehr hilft es uns, sich in der Gegenwart zu orientieren und den besten Weg in die Zukunft zu beschreiten. In jedem Moment wird das Gedächtnis mit neuen Eindrücken, Erfahrungen und Erkenntnissen überhäuft und gestaltet sich nach geeigneten Regeln und Gewichtungen entsprechend um.

Die Wissenschaft beschreibt die zugehörige Leistungsfähigkeit mit der sogenannten Neuroplastizität. Gemeint sind damit sowohl funktionelle Änderungen in den Synapsen, den neuronalen Zellverbindungen, als auch strukturelle Änderungen einzelner Neuronen bis hin zur Zellgenese. Der bisherige Gedächtniszustand wird dabei teils überschrieben und neugeordnet. In gewissem Umfang werden dabei in allen Bereichen der Erinnerungen Teile vergessen oder in neue Zusammenhänge gesetzt. Schon daher kann es in keinem Erinnerungsbereich eine objektiv festgeschriebene Geschichte geben.

Das wurde noch offensichtlicher mit zunehmenden Belegen dafür, dass Erinnerungen erst durch emotionale Kopplungen realisiert und stabilisiert werden, d.h. unvermeidlich nehmen mit der Zeit, subjektiv selektierte Erinnerungslücken und -umdeutungen zu. Selbst schwer demente Menschen können sich deshalb an emotional berührende Melodien und Texte erinnern, allerdings auch an traumatische Erlebnisse.

Langfristig beeinflussen emotional gekoppelte Erinnerungen die Selbsteinschätzung von Einzelmenschen, aber auch die von ganzen Gesellschaften und Kulturen. Sie bildet mehr oder weniger den „roten Faden“ ihrer Existenz. Aus Sicht der Evolution des Menschen gilt, dass auch mit der speziellen Form des Erinnerns ähnlich wie für andere Organe eine optimierte Basis zu einer Art-erhaltenden Zukunft gefunden wurde.

Die neuen Erkenntnisse zur Arbeitsweise unseres Gedächtnisses führten aus Sicht von Prof. Gessman auch dazu, dass die moderne pädagogische Forschung Lernmethoden entwickelt, die auf emotional fundierte Aufmerksamkeit, Motivation und eine dazu passende Lernumgebung achtet. Der Schlüssel zu einem erfolgreichen Lernen ist dabei vor allem die personale Bezogenheit und narrative Einbettung von Inhalten. Daran knüpfen auch viele sogenannten „Mnemotechniken“ wie z.B. die am längsten bekannte Loci-Methode an.

Am Ende seines Vortrags ging Gessmann noch einmal speziell auf das Tagungsthema ein und bestätigte, dass die hohe Bedeutung emotional berührender Erinnerungen, ein wesentlicher Grund für die religiöse Orientierung des Menschen bereits mit frühsten historischen Funden und Aufzeichnungen gewesen seien. Das gelte auch für die Entwicklung der jüdisch-christliche Religion, die sich durch die sehr emotionale Art der meist erst Generationen später aufgezeichneten Geschichte, eine sowohl nationale wie religiöse Identität geschaffen habe. Der christliche Glaube lebe wesentlich aus dem Gedächtnis an das Leben Jesu, das in emotionalen Geschichten überliefert sei und bis heute in emotional ausgerichteten Riten gefeiert werde.

Erinnerungskultur als Basis einer gemeinsamen Identität (Impulse)

Nachdem die Tagung sich in Anschluss an das Hauptreferat zunächst in kleineren Kreisen u.a. mit der Optimierung und der Erkrankung von Gedächtnissen auseinandergesetzt hat, wurde am Nachmittag aus der Sicht verschiedener Impulse versucht, sich die Bedeutung der Erinnerung für den Aufbau von Identität und Zukunftsgestaltung bewusst zu machen.

Hierzu gehörte ein sprachlicher Impuls, der aus der Wortbedeutung und Herkunft der Wörter eine Idee von Ziel und Zweck von Erinnerungskultur und Gedächtnispflege gab. Ein zweiter Impuls versuchte ausgehend von der Bedeutung des Gedächtnisses als des notwendigen Instrumentes der Orientierung und der Sozialbeziehung zwischen Menschen herzuleiten, wie weit es möglich ist, von einem kollektiven Gedächtnis und einer gemeinsamen Identität zu sprechen. Als zentrales Beispiel hierzu gilt die Umsetzung des Ziels, die jüngeren deutschen Geschichte im kollektiven Gedächtnis auch zukünftiger Generationen zu erhalten.

In einem dritten Impuls wurde versucht, am Beispiel von Zielsetzung und Erinnerungskultur in Heliand und ND darzustellen, in welchem Umfang sich eine eigenständige Identität dieser beiden Verbände entwickeln konnte, bzw. vielleicht gerade wegen der Überalterung bis heute erhalten hat. In einem abschließenden Impuls wurde die Frage der Entwicklung einer eigenen Identität sogar auf das Selbstverständnis des Arbeitskreises „Naturwissenschaft und Glaube“ selbst übertragen. Angesichts immer neuer Erkenntnisse und neuer Techniken, sich in Grundfragen des Glaubens und der Ethik immer wieder neu Orientierung zu verschaffen, gehört seit der Gründung vor mehr als 30 Jahren zur Motivation und speziellen Identität des AKs.

Das gilt insbesondere für die Spiritualität, die angesichts von weltbildlicher Neuorientierung auch eine Weiterentwicklung der geistigen Dimension bedarf, was soweit nötig auch im Gottesdienst der Tagung erkennbar werden soll. Davon war auch das gewählte Thema „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ nicht ausgeschlossen. Die großen Veränderungen im historischen Jesusbild, wie auch in der rituellen Form des gefeierten Gedächtnisses, zeigen, dass es nie um einen objektiv festgeschriebenes Gedächtnis ging und dass Dogmen immer nur den historischen Rahmen einer bestimmten Zeit widerspiegelten. Gerade die Erkenntnis der emotionalen Kopplung von Gedächtnisinhalten sollte deutlich machen, dass religiöse Wahrheiten schon immer subjektiver Natur waren und sich daher auch für das kollektive Gedächtnis des Glaubens keine vermeintliche Objektivität, sondern einfach nur Glaubwürdigkeit anzustreben ist.