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Aufsätze/ Vorträge

aus dem Grenzbereich von Naturwissenschaft und Glauben

Teilhard de Chardin

geb. 1. Mai 1881
gest. 10. April 1955

Teilhard-Zitate

Der Geist in der Materie

das Herz der Materie (Motto)    im gelben Teilhard Lesebuch gTL mit Erklärung Schiwys S.13
Im Herzen der Materie
Ein Herz der Welt
Das Herz eines Gottes
Geist-Materie       aus Skizze eines personalen Universums 1936  Zusammenhang S. 17 im gTL
Es gibt auf der Welt weder Geist noch Materie, sondern  nur geistwerdende Materie. Keine andere Substanz vermöchte das menschliche Molekül zu ergeben.
Die zwei Gesichter der Materie  Der göttliche Bereich 1927, S.20 im gTL  (wenn nicht am Morgen)
Einerseits ist sie die Last, die Kette, der Schmerz, die Sünde und die Bedrohung unseres Lebens.
Die Materie machte schwerfällig, leidet, verletzt, versucht und altert.
Durch die Materie sind wir plump, gelähmt, verwundbar und schuldig,
Wer erlöst uns von diesem Körper des Todes
Aber die Materie ist gleichzeitig auch die körperliche Freude,   die Berührung, die erhöht,
die Anstrengung, die männliche Kraft verleiht und die Freude am Wachstum.
Die Materie zieht an, erneuert, vereinigt und blüht. Von der Materie werden wir genährt,
emporgehoben, mit dem Übrigen verbunden und vom Leben durchdrungen. Ihrer beraubt zu sein ist uns unerträglich
eine große Liebe zur Erde Tagebuch 1916  S.15 im gTL
In mein Streben zu Gott mischt sich eine große Liebe zur Erde und ihrem greifbaren Werden, und mir scheint, diese beiden Leidenschaften müssen sich verbinden. Die letztere muss nur gereinigt und rehabilitiert werden.
Könnte man das unter dem Terminus Materie begreifen?  Tagebuch 1916 S.17 im gTL
In unserem Leib werden die Zellen von den Gesetze des Gesamtorganismus beherrscht, d.h. von der Seele, für sie findet der Einfluss des „Geistes“ also seinen Ausdruck im Zusammenhang.
Ebenso ist das heilende und aspirierende Einwirken Gottes auf die Seele ein Zusammenschluss und ein Wiederzusammenschluss.
Hymnus an die Materie  aus   Lobgesang des Alls 1919 in  die geistige Macht der Materie
Saft unserer Seelen, Hand Gottes, Fleisch Christi, Materie ich segne dich.
Ich grüße dich, nicht so, wie dich die hohen Herren der Wissenschaft und die Tugendprediger verkürzt oder entstellt beschreiben. Eine Zusammenhäufung, so sagen sie, brutaler Kräfte oder niedriger Neigungen – sondern so, wie du uns heute erscheinst, in deiner Totalität und in deiner Wahrheit.
Materie und Geist:               aus   Herz der Materie 1950,  S. 42f)
gar nicht zwei Dinge, – sondern zwei Zustände, zwei Gesichter ein und desselben kosmischen Stoffes, je nachdem man ihn betrachtet oder in der Richtung verlängert, in der (wie Bergson sagen würde) er sich bildet – oder im Gegenteil in der Richtung, in der er sich auflöst.

Evolution der Liebe und die Ursache des Leids

Was ist Evolution?     aus   Der Mensch im Kosmos 1939 Die Evolution sollte nichts als eine Theorie, ein System, eine Hypothese sein? Keineswegs! Sie ist viel mehr! Sie ist die allgemeine Bedingung, der künftig alle Theorien, alle Hypothesen,      alle Systeme entsprechen und gerecht werden müssen, sofern sie denkbar und richtig sein wollen. Ein Licht, das alle Tatsachen erleuchtet, eine Kurve, der alle Linien folgen müssen, das ist Evolution.

Zur Kosmogenese des Lebens  aus Die Vielheit der bewohnten Welten 1953 Nach allem, was wir heute über die Zahl der Welten und ihre innere Evolution wissen, ist die Idee eines einzigen hominisierten Planeten innerhalb des Universums faktisch bereits fast ebenso undenkbar geworden, wie die eines ohne genetische Beziehung zu den übrigen Lebewesen der Erde auftretenden Menschen.
Die Schwelle des Lebens     aus   Der Mensch im Kosmos 1939  S.60
Genauso wie der Mensch nach Ansicht der Paläontologen anatomisch mit der Masse der ihm vorausgehenden Säugetiere verschmilzt, so ertrinkt die Zelle qualitativ und quantitativ in der Welt der chemischen Gebilde, wenn man sie in absteigender Richtung verfolgt.
Unmittelbar nach rückwärts verlängert, konvergiert sie sichtbar mit dem Molekül.

Evolution des Erkennens     aus Der Mensch im Kosmos 1939
Man muss nicht unbedingt ein Mensch sein, um die Dinge und die Kräfte um uns herum wahrzunehmen. Alle Tiere vermögen dies ebenso wie wir. Doch der Mensch allein nimmt in der Natur eine solche Stellung ein, dass die Konvergenz der Linien nicht nur von ihm gesehen wird, sondern auch strukturelle Bedeutung hat.
Kritischer Punkt  Auswahl aus dem Werk 1964
Wie der Dampf, der sich ohne Änderung der Temperatur in eine kochende Flüssigkeit verwandelt, folgt das Denken auf das unreflektierte Leben, in dem es durch einen Zustandwandel eine Schwelle überschreitet. Etwas Derartiges war gewiss seit der anfängl. Kondensierung des Vorlebens in unserer Welt nicht geschehen.
Leiden als Preis des Fortschritts    Die menschliche Energie, 1937
Die Welt ist auf unserer Stufe, wie sie sich in der Erfahrung zeigt, ein unermessliches Tasten, ein unermessliches Suchen, ein unermesslicher Angriff: sie kann ihren Fortschritt nur um den Preis vieler Mißerfolge und vieler Wunden erzielen. Die Leidenden,welcher Art ihre Leiden auch seien, sind der Ausdruck für diese herbe, aber edle Bedingtheit. Sie stellen keine nutzlosen oder geminderten Elemente dar. Sie zahlen lediglich für den Vormarsch und den Triumph aller. Sie sind auf dem Felde der Ehre Gefallene.
Universum des Leides                      Der Mensch im Kosmos,1939
Ein Universum, dass sich einrollt, sagte ich – ein Universum, das sich verinnerlicht: aber eben damit auch ein Universum der Mühsal, ein Universum der Sünde, ein Universum des Leides…
Ordnung und Zentrierung: diese beiden eng miteinander zusammenhängenden Formveränderungen lassen sich, wie die Ersteigung einer Bergspitze, oder die Eroberung der Lüfte, nur dann richtig durchführen, wenn man sie teuer bezahlt; – wenn wir wüssten, aus welchen Gründen und nach welcher Taxe, so hätten wir das Geheimnis der Welt um uns durchdrungen.
Rückverfolgung unseres Seins        Das göttliche Millieu 1926-1927
Alles Wahrnehmbare nährt sich kontinuierlich aus den zahllosen Energien der greifbaren Welt. Machen wir, es lohnt die Mühe, die heilsame Übung, die darin besteht, im Ausgang von den personalisiertesten  Bereichen unseres Bewusstseins die Verlängerung unseres Seins durch alle Bereiche hin zu verfolgen. Wir werden aufs höchste erstaunt sein, wenn wir die Ausdehnung und die Innigkeit unserer Beziehungen zum Kosmos feststellen
Evolution hat eine Richtung Der Mensch im Kosmos  1939
Unter den zahllosen Abwandlungen, in die sich das komplexer werdende Leben zerteilt, hebt sich die Differenzierung der Nervenzellen als eine bezeichnende Umformung ab – wie die Theorie es vorraussehen lies. Sie gibt eine Richtung – und beweist dadurch, dass die Evolution eine Richtung hat. Von außem gesehen zeigt die Naturgeschichte der lebenden Wesen, sofern sie in ihrer Totalität betrachtet wird, und jeder Zweig von Anfang bis Ende, die stufenweise Ausbildung eines unermesslichen Systems von Nerven; von innen entspricht dem etwas Seelisches, das sich einrichtet und ausdehnt bis auf das Größenmaß der Erde
Der Mensch als Beschleuniger der Evolution   Das Auftreten des Menschen, 1923
Da sie sich im Menschen in sich selbst reflektiert, wird die Evolution sich nicht nur ihrer selbst bewußt. Gleichzeitig wird sie in gewissem Maße fähig,sich selbst zu leben und zu beschleunigen.

Die Mystik der Wissenschaft

Die Unverzichtbarkeit des Liebesgebots aus die menschliche Energie 1937
Seitdem sich unserem Geist einerseits die Existenz der Noosphäre und andererseits die vitale Notwendigkeit, in der wir uns befinden, sie zu retten, enthüllt hat, spricht die Stimme immer gebietender. Sie sagt nicht nur: „Liebet Euch, um vollkommen zu sein“ vielmehr fügt sie hinzu: „Liebt Euch, oder Ihr geht zugrunde“

Wissenschaft und Christus   aus  Die Wissenschaft und der Christ 1921
Die Wissenschaft allein kann Christus nicht entdecken, aber Christus erfüllt die Wünsche, die in unserem Herzen in der Schule der Wissenschaft wachsen.
Meine Berufung   Tagebuch-Eintrag am 8.11.1916
Persönlich scheint es meine Berufung, mein Schicksal zu sein, die aktiven und passiven Energien des Universums zu feiern, zu rechtfertigen, zu heiligen – und noch spezieller das menschliche Bemühen … Das Milieu der Heiligkeit, das um die Seelen meiner Zeit herum zu schaffen ich beitragen möchte, ist der Kult des evolutiven Milieus, das sie trägt und das sie in ihrer Gesamtheit konstituiert…
Die Rettung der Natur                     1954?
Der Mensch muss an Stelle des natürlichen Gleichgewichts ein neues schaffen und das unter Zeitdruck
Die Unsicherheit über ein befriedigendes Endziel Der Mensch im Kosmos 1939
Die tiefste Wurzel der Unruhe in der modernen Welt, kann ich jetzt hinzufügen, besteht darin, nicht sicher zu sein und nicht einmal zu sehen, wie man sich sicher sein könnte, dass es ein Endziel gibt – das befriedigende Endziel dieser Evolution.
Maschine Menschheit und die Person         Der Mensch im Kosmos 1939
Es ist unmöglich daran zu zweifeln: Die große Maschine der Menschheit ist zum Funktionieren bestimmt – und sie muss funktionieren und einen Überfluss an Geist erzeugen. Wenn sie nicht funktioniert, oder vielmehr wenn sie nur Materie erzeugt, dann arbeitet sie eben in einer falschen Richtung.
Sollten wir vielleicht in unseren Theorien und in unseren Handlungen die Stelle übersehen haben, die der Person gebührt und den Kräften der Persönlichkeitsbildung?
Fortschritt  Bemerkungen zum Fortschritt 1920
Der Fortschritt ist weder Wohlergehen noch Friede, weder Ruhe noch unmittelbar Tugend. Im Wesentlichen ist Fortschritt eine Kraft, die gefährlichste aller Kräfte. Es ist das Bewusstsein von allem was ist und von allem was sein kann. Auch wenn man alle Entrüstung wecken und alle Vorurteile verletzen müsste, es muss gesagt werden, weil es wahr ist: Mehrsein ist zunächst Mehrwissen.
Glaube an die Unfehlbarkeit des Lebens        Der Mensch im Kosmos 1938
Das Universum hat in seiner Gesamtheit ein Ziel und kann nicht scheitern
Es kann sich weder im Weg täuschen, noch unterwegs stehen bleiben
Das Leben ist in seiner Gesamtheit ist unfehlbar, nicht jedoch in seinen Elementen   —  Ein Gefühl das überwunden werden muss, die Hoffnungslosigkeit.

Die Konvergenz der Noogenese                 Die lebendige Macht der Evolution, 1940-46
Die kollektive Cerebralisation (im Stadium der Konvergenz) benützt die Schärfe ihrer gewaltigen geistigen Kräfte dazu, das Gehirn des einzelnen zu vervollständigen und anatomisch zu vervollkommnen. Zunächst vervollständigen: Ich denke hier an die erstaunliche Leistung der Elektronenautomaten (die ersten Ergebnisse und die große Hoffnung der noch jungen ‚Kybernetik‘). Diese Apparate ersetzen und vervielfachen das Rechen- und Kombinationsvermögen des menschlichen Geistes.

Intentionale Zufälligkeit Ignace Lepp: Die neue Erde -Teilhard de Chardin und das Christentum..1962 
Das Leben befindet sich in ständigem Wachsen, es sucht, „gleichsam tastend“, neue Wege, und es benimmt sich bei alledem nicht anarchisch, sondern es folgt dem Gesetz einer „intentionalen Zufälligkeit“. Die allgemeine Richtung scheint auf eine immer größere „Zerebralisierung“ hinzuzielen. Der Übergang von der Biosphäre zur Noosphäre, das heißt, zum Bereich des Geistes, liegt offenbar in der inneren Logik des Lebens.
Umkehr der Entropie     aus   Das menschliche Phänomen 1930
Wir haben die etwas kindische Gewohnheit angenommen, das endgültige Gleichgewicht, die Festigkeit der Welt auf Seiten der wahrscheinlichsten Verbindung zu setzen. Wer weiß, ob wir nicht gut daran täten, die Stufenleiter unserer Werte von einem Ende zum anderen umzukehren,das heißt, ob die wahre Stabilität, die wahre Konsistenz des Kosmos nicht in der Richtung zu suchen wäre,in der das Unwahrscheinliche wächst.
Das atomare Feuer und das Gottesproblem     zum geistigen Widerhall der Atombombe 1946       
Die letzte Wirkung des Lichts, das durch das atomare Feuer in die psychischen Tiefen der Erde geworfen wurde, besteht letztlich darin, als Letztes und Höchstes die Frage nach einem Ziel der Evolution, das heißt das Gottesproblem aufzuwerfen..
Die Welt als unermeßlicher Gong       aus „Briefe an eine Marxistin“ 1926
Es gibt wirklich einen musikalischen, christlichen Ton, der die ganze Welt als einen unermeßlichen Gong im göttlichen Christus schwingen läßt. Dieser Ton ist einzig und universell; und in ihm allein besteht das Evangelium. Er allein ist wirklich [glücklicherweise]. Und damit ist es unvermeidlich, daß die Menschen bei dem Versuch, seine Wirklichkeit zu fixieren und zu erfassen, ihn analysieren, soweit das Auge reicht [wie es die Physiker mit den göttlichen Nuancen der Töne und Farben tun.]

Vollendung im Punkt Omega, dem Christus Universalis

Christogenese     aus  französische Texte 1969 Band 9, verfasst 1934
Die Evolution macht Christus möglich, indem sie der Welt eine Spitze entdeckt –  ebenso macht Christus die Evolution möglich, indem er der Welt einen Sinn gibt. Anders ausgedrückt: Christus muss für seine Vollendung eine Spitze der Welt finden, wie er für seine Empfängnis eine Frau finden musste.
Omega und Evolution
Omega, in dem alles konvergiert, ist umgekehrt das, von dem her alles ausstrahlt. Es ist unmöglich, es als einen Brennpunkt an die Spitze des Universums zu stellen, ohne zugleich seine Gegenwart in das Innerste der geringsten Bewegung der Evolution zu verlegen.
Die Wirkung von Omega      Der Mensch im Kosmos, 1939      (1964) S. 287 f
Wenn Omega hingegen, wie wir angenommen haben, schon gegenwärtig existent ist und im Tiefsten der denkenden Masse wirkt, dann ist es wohl unvermeidlich, dass sich seine Existenz schon jetzt unserer Beobachtung durch gewisse Anzeichen zu erkennen gibt. Um die Evolution in den unteren Stadien anzuregen, konnte der bewusste Pol der Welt natürlich nur biologisch verhüllt in unpersönl. Form wirken. Jetzt aber ist es ihm möglich, auf die denkenden Wesen, die wir geworden sind, von Zentrum zu Zentren zu strahlen – auf persönliche Weise. Wäre es wahrscheinlich, dass er dies unterließe? …
Omega als lebendige Wirklichkeit    Der Mensch im Kosmos, 1939
Das Universum vollendet sich in einer Synthese der Zentren, in vollkommener Übereinstimmung mit den Gesetzen der Vereinigung. Gott Zentrum der Zentren. In dieser endgültigen Schau gipfelt das christliche Dogma – Das trifft so genau den Punkt Omega, dass ich gewiss niemals gewagt hätte, auf rationale Weise die Hypothese von Omega ins Auge zu fassen und zu formulieren, wenn ich nicht in meinem gläubigen Bewusstsein sein ideelles Bild vorgefunden hätte, ja noch mehr: seine lebendige Wirklichkeit.
Die Umgestaltung des Kosmos     Mein Universum 1924
Wir brauchen uns nicht den Kopf darüber zu zerbrechen, wie die gewaltige materielle Größe des Universums jemals vergehen könnte. Es genügt, dass der Geist sich umkehrt, dass er den Bereich wechselt, damit sich sofort das Gesicht der Welt ändert.
Die Transzendenz von Alpha und Omega    Die Entstehung des Menschen 1949
Der erwähnte Punkt Omega liegt streng genommen – und darin gleicht er dem Ur-Atom Lemaitres -, außerhalb des der Erfahrung zugänglichen Prozesses, dessen Ende und Abschluss er bildet. Denn um dorthin zu gelangen, beziehungsweise eben indem wir dorthin gelangen, verlassen wir Raum und Zeit. Trotz seiner Transzendenz entzieht er sich indes nicht gänzlich der Reichweite der Wissenschaft, die ihm notwendigerweise gewisse Eigenschaften zusprechen muss…
Gott als Schlusspunkt           Das göttliche Millieu 1926-1927
Gott entdeckt sich überall unter unserem Tasten als ein universelles Milieu nur, weil er der Schlusspunkt ist, in dem alle Wirklichkeiten konvergieren. Jedes Element der Welt, welches auch immer es sei, subsistiert hic et nunc nur in der Weise eines Kegels, dessen Erzeugende sich [am Zielpunkt ihrer individuellen Vollkommenheit und am Zielpunkt der allgemeinen Vollkommenheit der Welt, der sie enthält] in Gott verknüpfen, der sie anzieht.
Göttliches Millieu                 Das göttliche Millieu 1926-1927
Das göttliche Milieu, so unermesslich es auch sein mag, ist in Wirklichkeit ein Zentrum. … Im göttlichen Milieu berühren sich alle Elemente des Universums durch das, was sie im Innersten und Endgültigstem haben. … Sie verlieren dort, indem sie sich begegnen, das wechselseitige Außerhalbsein und die Zusammenhanglosigkeit, die die grundlegende Mühsal der menschlichen Beziehungen ausmachen

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Das Religionsprinzip des Kosmos

Das Religionsprinzip des Kosmos

Die Evolutionstheorie und das Handeln Gottes

von Gerd Weckwerth
Email:  weckwerg@uni-koeln.de
erschienen in: Herder-Korrespondenz (April, 2003)

Nach einem von der NASA gerade vorlegte Resultat von Messungen des Satelliten WMAP ist das Weltall 13,7 Mrd Jahre alt. Spektakulär daran sind vor allem der neue Weg, auf dem dieses Resultat gewonnen wurde und die dabei erzielte Bestätigung unseres heute auf Urknall, Naturgesetzen und Evolution basierenden Weltbilds. Grundlage hierfür bildet die kosmische Mikrowellenstrahlung, die 1965 bei der Untersuchung von Störgeräuschen eines neuen Radioempfangssystems entdeckt und sehr bald mit dem vorhergesagten Nachglühen des Urknalls identifiziert wurde. Als deren erste genaue Vermessung mit dem Satelliten COBE Anfang der 90er Jahre zunächst keine räumlichen Strukturen erkennen ließen, aus denen sich die heutige Materiverteilung des Kosmos hätte entwickeln können, kamen zwar noch einmal Zweifel über deren Interpretation auf.

Wenn die heute 40-fach feineren Messungen neben der Auflösung solcher Strukturen zusätzlich eine neue unabhängige Altersbestimmung des Kosmos ermöglichen und das Resultat sogar weitgehend verträglich ist mit der am anderen Ende der dynamischen Entwicklung gemessenen Hubble-Konstante, wird dadurch die mit der Hintergrundstrahlung verbundene Bestätigung des Urknallmodells noch einmal verstärkt. Gerade diese langen Zeitskalen, in denen sich allein auf der Basis der Naturgesetze der heutige Kosmos entwickelt haben soll, waren für den biblischen Schöpfungsglauben eine ernsthafte Probe. Auch wenn durch die moderne Exegese frühere Widersprüche entschärft wurden, bleibt bei vielen Gläubigen eine Distanzierung zu heutigen naturwissenschaftlichen Weltmodellen und Skepsis gegenüber den darin verwendeten Methoden.

Richtig ist, dass die Naturwissenschaften kaum geeignet sind, Glaubensinhalte zu untersuchen. Sie können aber sehr erfolgreich die körperlichen Organe erforschen, mit denen diese Inhalte wahrgenommen werden. Die Fähigkeit des Menschen zu glauben und seinen Glauben zum Ausgangspunkt seines Handelns zu machen, basiert vor allem auf seinem Gehirn. Eine auch für den Schöpfungsglauben wichtige Frage ist daher, wie und unter welchen Voraussetzungen die für religiöses Erkennen und Handeln unabdingbare Leistungsfähigkeit des Gehirns entstehen konnte.

Der klassische Schöpfungsglauben nimmt Gehirne nicht als evolutiv entwickelt, sondern als direkt vom Schöpfer geschenkte Werkzeuge an. Schöpfung erfuhr der Mensch vor allem dadurch, dass die ihn umgebende Welt ihn zum Leben befähigt. Das Auffinden geeigneter Nahrung und die Erfüllung der Lebensbedürfnisse in Umwelt (Licht, Wärme, Luft) und Lebensumfeld (Eltern, Freunde) war nur durch einen liebenden Schöpfer erklärbar. Die Schöpfungserzählungen waren Bilder dafür, wie Gott Mangel beseitigt hat, und beschrieben damit dessen Macht, Liebe und ordnenden Fähigkeiten. Symbol und sichtbares Zeichen für göttliche Ordnung waren die Abläufe am Himmel, die mit Tag und Nacht, sowie den Jahreszeiten ebenfalls als für den Menschen gemacht, empfunden wurden

Um sich nicht selbst zu gefährden, war es Aufgabe des Menschen, sich dieser Ordnung anzupassen. Die auf den Menschen ausgerichtete Schöpfung (klassisches anthropisches Prinzip) war entscheidende religiöse Grunderfahrung aller Kulturen. Zwar wurde sie durch menschliche Eigenleistungen wie den Bau von Häusern, Städten und daraus resultierende Gesellschaftsordnungen in den Hintergrund gedrängt. Durch Naturkatastrophen, Krankheiten und Tod sah sich der Mensch aber immer wieder an göttliche Macht gebunden.

Die Chance für eine grundsätzliche Abwendung von dieser Gottesvorstellung entstand erst, als die Naturwissenschaft mit der Evolutionstheorie eine zuvor nicht denkbare, andere Erklärung für die Schöpfungserfahrung lieferte: Nicht die den Menschen umgebende Welt wurde vom Schöpfer nach den Bedürfnissen des Menschen zugeschnitten, sondern im Rahmen der Evolution wurde der Mensch den Bedingungen der Umwelt angepasst. Unabhängig von der Richtigkeit war dieses neue Denkmodell für viele Anlass, die Schöpfungsvorstellung als den historischen Irrtum eines Wesens zu betrachten, das dazu neigt, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen und alles andere als für ihn und zu seinem Nutzen geschaffen anzusehen. Sind damit alle Formen von Religion nur Produkt dieser anthropozentrischen Wunschvorstellungen? Wird der Mensch im Evolutionsmodell zum Produkt einer willen- und ziellosen Natur?

Um dem nicht zustimmen zu müssen, glauben Kreationisten bis heute an Fehler in Teilen der Evolutionstheorie, die von den Naturwissenschaften lange schon akzeptiert sind. Wie aber muss ein Schöpfungsglaube aussehen, der diesen Erkenntnissen Rechnung trägt, der eine sich entwickelnde Natur nicht als konkurrierende Alternative, sondern als wichtigen Teil des Schöpfungsplanes sieht?

Das anthropische Prinzip der modernen Physik
Ausgangspunkt einer Theorie der kosmischen Evolution ist die Urknalltheorie. Sie basierte zunächst auf der 1929 von Hubble entdeckten, mit dem Abstand zunehmenden Rotverschiebung der Galaxien. Sie wird als eine steigende Fluchtgeschwindigkeit interpretiert, aus der sich eine Anfangsverdichtung aller kosmischen Materie errechnen lässt. Neben der Hintergrundstrahlung war eine zweite bestätigende Entdeckung, dass im Gegensatz zu den schwereren Elementen der Hauptteil des Elements Helium nicht durch Kernfusion in Sternen entstanden ist. Ein solcher Anteil an Helium entsteht während der hoch verdichteten Frühphase des Urknalls aber zwangsläufig und kann daher umgekehrt als Indiz für ein solches Modell dienen.

Grund dafür, dass schwerere Elemente wie Kohlenstoff und Sauerstoff in der Frühphase noch nicht entstehen, ist die hohe Stabilität des Heliumkerns. Die Verbindung zweier Heliumkerne ist instabil und zerfällt umgehend zurück in Heliumkerne. Erst die Verbindung dreier Heliumkerne (Tripel-Alpha Prozess) ist wieder stabil und führt zu dem für das Leben entscheidenden Element Kohlenstoff. Dem Astrophysiker Fred Hoyle war 1954 aufgefallen, dass die Wahrscheinlichkeit für die Verbindung von drei Heliumkernen auch bei den hohen Dichten in roten Riesensternen bei weitem zu klein ist, um den heutigen Anteil schwererer Elemente im interstellaren Medium zu erzeugen.

Hoyle forderte daher, dass der beim Tripel-Alpha Prozess entstehende Kohlenstoffkern auf ein bestehendes Anregungsniveau trifft. In diesem Fall kommt es zu so genannten Resonanzwirkungs-querschnitten mit bis zu millionenfach erhöhten Einfangwahrscheinlichkeiten. Spätere Nachmessungen an Beschleunigern ergaben, dass dieser unwahrscheinliche Fall beim Tripel-Alpha Prozess wirklich auftritt. Unter anderem steht in diesem Kosmos nur deswegen eine ausreichende Menge an fester Materie für Bildung von Planeten wie der Erde zur Verfügung.

Die von Hoyle zu dieser Vorhersage benutzte Argumentationslinie ist der Glauben an eine lückenlose kosmische Evolution, ausgehend von einer hochenergetischen Urknallphase. Entscheidend für eine solche Vorhersage ist, dass die sonst relevanten Faktoren, auf die sich die Vorhersage bezieht, bekannt sind und nichts außerhalb naturgesetzl. erklärbarer Prozesse geschieht. Angeregt durch den Erfolg der Hoyleschen Vorhersage formulierte 1961 der amerik. Physiker Robert H. Dicke für das Universum als so genanntes anthropisches Prinzip wie folgt: „Weil es in diesem Universum Beobachter gibt, muss das Universum Eigenschaften besitzen, die die Existenz dieser Beobachter zulassen“ Um zu verdeutlichen, dass man mit diesem Prinzip nicht nur vom Menschen zurückschließen kann, wird statt dessen vom Beobachter gesprochen und damit von der reflektierenden Fähigkeit, die in jedem Fall Voraussetzung dafür ist, dass ein solches Prinzip erkannt und angewendet wird.

Die Idee dieses Prinzips ist es, die Produkte der kosmischen Evolution bis hin zum Menschen zu nutzen, um rückwirkend spezifisch nötige Entwicklungsvorgänge und Voraussetzungen abzuleiten. Gelingen können solche Ableitungen am ehesten an Verdichtungsstellen der Evolution. Das sind zum Teil noch ungeklärte, für den weiteren Fortgang aber nötige Entwicklungsschritte, die nur an Orten mit besonderen Bedingungen stattfinden. Dazu gehört der Urknall selbst, aber auch Sternexplosionen wie die sogenannten Supernovae, ohne die im Sterninnern erzeugten schweren Elemente nie in den freien Kosmos kämen. Notwendig zur Existenz des Menschen, war die Bildung des mit geeigneten Eigenschaften ausgerüsteten Planeten Erde und die spezifischen Bedingungen, bei denen erstmals komplexe Moleküle des Lebens entstehen konnten. Diese auch als Flaschenhälse der Evolution bezeichneten Schritte ermöglichten danach jeweils neuen Formen der Entwicklung unter bis dahin nicht relevanten Gesetzmäßigkeiten, wie zum Beispiel die der Biologie nach dem Auftreten ersten Lebens.

Evolution ist kein Zufall
Das anthropische Prinzip gab in den Folgejahren Anlass, nach spezifischen Voraussetzungen der kosmischen Entwicklung zu suchen und zwar sowohl auf der lokalen Ebene des irdischen Umfelds als auf der globalen Ebene des Universums, beziehungsweise seiner universell geltenden Naturgesetze. So lässt sich aus der erwähnten Hoyleschen Vorhersage zum Tripel-Alpha Prozess ein dazu exakt nötiges Verhältnis von elektromagnetischer und starker (nuklearer) Wechselwirkung ableiten. Damit Sternexplosionen zur Ausstreuung schwerer Elemente im nötigen Umfang auftreten beziehungsweise Sterne genügendes Alter erreichen, muss die Gravitationskonstante um den Faktor 10<sup>40±1</sup> kleiner als die der starken Wechselwirkung sein. Ein drittes Beispiel ist die Erkenntnis, dass menschliche Beobachter weder in einem viel jüngeren, noch in einem viel älteren Universum hätten auftreten können.

Viele der für die Entwicklung von Beobachtern nötigen lokalen Bedingungen lassen sich zwar sehr exakt in ihren Grenzen angeben (Abstand von der Sonne, Größe des Planeten, Art der Atmosphäre). Weitgehend unbekannt ist aber, wie häufig Planeten mit diesen für das Leben spezifischen Bedingungen vorkommen. Die Verwunderung darüber, dass es überhaupt einen geeigneten Planeten wie die Erde gibt, hält sich angesichts der riesigen Zahl von Sternsystemen im Kosmos aber in Grenzen.

Insgesamt wurde die Relevanz von bis zu hundert solcher Bedingungen globaler und lokaler Natur festgestellt und abgeschätzt, ab welcher Differenz von den realisierten Bedingungen die Entwicklung intelligenter Beobachter bereits verhindert wäre. In der Summe zeigte sich, dass zur Ermöglichung der kosmischen Evolution bis zum menschlichen Beobachter neben der großen Zahl unterschiedlicher Sternsysteme zahlreiche naturgesetzliche Bedingungen und kosmische Parameter (u.a. Alter, Größe, Dichte) mit hoher Präzision genau so sein müssen, wie sie kosmosweit seit dem Urknall realisiert sind. Auch wenn wir bis heute nicht wissen, warum Naturgesetze in unserem Kosmos bestimmte Formen und Größen haben, muss die hohe Übereinstimmung mit den sehr restriktiven Notwendigkeiten der Evolution eine Ursache haben. Ein dafür nötiger Zufall wäre in jedem Fall viel zu groß, um aus wissenschaftlicher Sicht als Erklärung akzeptabel zu sein. Es verbleiben somit im wesentlichen nur zwei andere mögliche Erklärungen.

Mit einer ähnlichen Überlegung wie auf der lokalen Ebene für die Erde versucht die Vielweltentheorie die Eignung unseres Kosmos für die Entwicklung von Beobachtern zu erklären. Sie nimmt dazu an, dass es viele Universen mit verschiedensten Naturgesetzen und Parametern gibt. Unter einer riesigen Zahl von Kosmen wäre auch der unsrige mit seinen für die Entstehung von Leben exakt abgestimmten naturgesetzlichen Bedingungen. Quantenmechanik und Relativitätstheorie lassen solche Parallelwelten und Kosmen mit anderen Naturgesetzen zumindest denkbar erscheinen.

Der „intelligente“ Aufbau unserer Welt mit ihren unglaublichen Entwicklungsmöglichkeiten wird heute zwar ohne die frühere Annahme äußerer Eingriffe durch die Eignung der Naturgesetze erklärt. Um so mehr ist aber für deren einmaliges Design eine äußere Intelligenz von Nöten. Diese könnte mit der kreativen Ur-Intelligenz identifiziert werden, wie sie Religionen dem Schöpfer zuschreiben. Beide Annahmen könnten natürlich auch gemeinsam zutreffen: Sie eignen sich aber nicht als letzte Erklärung, da man auch nach der Ursache vieler Welten oder einer Ur-Intelligenz fragen könnte.

Vereinbar mit dem christlichen Schöpfungsglauben?
Obwohl das Urknallmodell nur auf wenigen Indizien aufbaut, ist es unter Naturwissenschaftlern zumindest im Grundsatz wenig umstritten. Auch viele christliche Theologen konnten sich überraschend schnell mit diesem Modell anfreunden. Grund dafür dürfte sein, dass der Kosmos aufgrund dieses Modells einen Anfang vielleicht sogar auch ein Ende hat. Die Naturwissenschaften stoßen damit an Erkenntnisgrenzen, deren Überschreitung man allein dem Glauben reservieren möchte.

Andererseits bringt das Urknallmodell und die folgende kosmische Evolution für den Schöpfungsglauben eine Reihe von Schwierigkeiten. Dazu gehört vor allem, dass sich der Kosmos danach eher als vollautomatische Evolutionsmaschine darstellt, basierend auf den als konstant angenommenen Naturgesetzen. Einmal initiiert und angestoßen, läuft sie ohne Hilfe und Korrekturen ihres Schöpfers möglicherweise ohne Sinn und Zweck weiter. Diese Idee entspricht eher dem philosophischen Modell des Deismus, der sich darin jedoch zentral vom Gottesglauben nicht nur des Christentums unterscheidet, bei dem immer von einem zugunsten des Menschen in die Geschichte eingreifenden Gott ausgegangen wird. Welche Chance könnte ein solches Gottesbild im Rahmen einer kosmischen Evolution noch haben, in der nichts außerhalb naturgesetzlicher Prozesse abläuft?

Um eine solche Frage beantworten zu können, muss man sich zunächst darüber klar werden, dass die Naturgesetze in einem modernen Schöpfungsglauben nicht eine Konkurrenz zu göttlichem Handeln darstellen, sondern den ursprünglichsten Teil des Kosmos und damit am ehesten das Schöpfungshandeln Gottes repräsentieren. Dieses Handeln ist jedoch geschichtslos, hat keinen Bezug zu einer historischen Situation, in der sich Menschen befinden. Der Mensch kann sich zwar darauf verlassen, dass sich Naturgesetze nicht plötzlich verändern, und erst damit wird ihm kontrolliertes, eigenverantwortliches Handeln ermöglicht. Aber gerade durch die unbarmherzige Gültigkeit der Naturgesetze wird die Not (zum Beispiel eines kranken Menschen) gnadenlos fortgesetzt.

Notsituationen werden in der Tierwelt ausschließlich triebgesteuert bewältigt, das heißt im Rahmen von Verhaltensprogrammen, die innerhalb der biologischen Evolution aufgebaut wurden. Mit dem besonderen Empfinden einer persönlichen Notlage kommt beim Menschen jedoch eine kreative Form der Bewältigung hinzu. Er kann selbst neue Wege aus einer Notsituation entwickeln und in besonderer Weise erfahren, wie ihm geholfen wird. Religiöse Fürbitt- und Dankgebete sind Ausdruck dieses nur dem Menschen zuteil gewordenen Vermögens, Hilfe zu geben und zu erfahren. Im Rahmen der Religionen erhält dieses Talent des Menschen eine göttliche Dimension.

Das wird deutlich nicht nur an Aussagen wie „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott“, sondern vor allem am persönlichen Empfinden, selbst ein Werkzeug Gottes zu sein. Im Christentum wird das unter anderem in der Lehre des Thomas von Aquin über ein von Gott bestimmtes, zweitursächliches menschliches Handeln ausgedrückt. Ohne heutige naturwissenschaftliche Erkenntnisse zu verletzen, kann man annehmen, dass die mit den Gehirnen der Geschöpfe entstandene Fähigkeit zur Religion diese Geschöpfe in die Lage versetzt, göttlichen Geist in diesem Kosmos umzusetzen. Göttliches Wirken über seine in der Zeit agierenden Geschöpfe wird möglich und zwar gerade, weil sie in freier persönlicher Entscheidung dieser Geschöpfe geschieht.

Das mit dem Menschen in der Evolution erstmals auftretende Phänomen eines homo religiosus lässt sich im Bezug auf dazu nötige Voraussetzungen auch naturwissenschaftlich untersuchen. Ein wichtiger Beitrag zu einem modernen Schöpfungsglauben wäre es daher festzustellen, wie weit die Naturgesetze speziell auf das Auftreten von Religion zugeschnitten sind. Entsprechende Indizien würden zumindest den Glauben stärken, dass der Mensch vom Schöpfer in dieser Weise gewollt ist.

Sofern damit das Potenzial eines göttlichen Handelns mit Hilfe des Menschen gelegt wurde, wäre es auch der entscheidende Schritt über den Deismus hinaus. Ein solches Bild von Gott wäre nicht das des untätigen Impulsgebers, sondern würde ihn spätestens mit dem Auftreten des Menschen oder eines vergleichbaren religionsbefähigten Wesens zu einem auch historischen Handeln befähigen. wie es im Rahmen der Religionen angenommen wird. Das anthropischen Prinzip mit seinem Glauben an eine lückenlose Evolution würde erst mit dieser zusätzlichen Annahme über einen so gewollten Menschen auch mit dem christlichen Schöpfungsglauben vereinbar.

Die Untersuchung der naturgesetzlichen und kosmischen Voraussetzungen im Hinblick auf ein solches Religionsprinzip, lassen sich als Teilgebiet des anthropischen Prinzips betrachten, wenn auch eines Teiles, der in den bisherigen Untersuchungen noch nahezu keine Beachtung gefunden hat. In welche Richtung könnte eine geeignete naturwissenschaftl. Erschließung der Entstehung menschlicher Religionsfähigkeit gehen? Ungewiss bleibt in jedem Fall, ob es jemals zu einer überprüfbaren Vorhersage des Entstehungsprozesses, zum Beispiel bei der Erforschung des spezifischen Ablaufs der Hominisation, kommen wird. Wichtig ist aber die Feststellung, dass die Unterstützung des Schöpfungsglaubens hier nicht in der Suche nach Lücken in der Evolution, sondern gerade im prognostisch nutzbaren Schließen des naturgesetzl. Ablaufs solcher vermeintlichen Lücken liegt.

Kosmische Voraussetzungen von Religion
Darüber, was das Phänomen Religion ausmacht, gibt es neben vielen Ähnlichkeiten unter den verschiedenen Religionen der Erde in mancher Hinsicht differierende Auffassungen. Umstritten ist sogar, ob Religion überhaupt eine nützliche Fähigkeit ist. Unabhängig von solchen Einschätzungen lassen sich Bedingungen angeben, ohne die das Phänomen Religion gar nicht erst auftreten könnte. Damit Informationssammlung und Verarbeitung mit ausreichender Intelligenz sich entwickeln konnte, wird wie auf der Erde ein ungestörter Evolutionsablauf für mehrere Milliarden Jahren benötigt. Da Religion, soweit heute bekannt, ein Phänomen hochentwickelten organ. Lebens darstellt, sind alle Voraussetzungen eines solchen organ. Lebens auch für die Entstehung von Religion nötig.

Zur Religionsfähigkeit gehört zusätzlich die Handlungsfreiheit intelligenter Individuen, die nur in einem offenen System denkbar ist, in dem Handlungen nicht vollständig materiell determiniert sind. Diskutiert wird zum Beispiel, ob nicht erst das Angebot sich überlagernder Möglichkeiten im Bereich der Heisenbergschen Unschärfe die Einflussnahme geistiger Prozesse gegenüber einer rein materiell determinierten Welt ermöglicht. Daneben könnte für die individuelle Handlungsfreiheit auch individuelle Differenzierung nötig sein, wie sie unter anderem durch den Zufallsanteil in der Vererbung entsteht. Denkbar ist, dass eine Schöpfung, in der selbstverantwortliche Geschöpfe entstehen sollen, gar nicht ohne vergleichbare Größe und Komplexität des Kosmos sowie Dauer und Zufälligkeit eines Evolutionsprozesses, wie der, der unser Universum geformt hat, auskommen kann.

Religion ist ein auf der Erde auf Personen ausgerichtetes Phänomen. Basis der personalen Struktur des Menschen ist ein mit der Evolution individuell im Großhirn ausgebildeter innerer Kosmos aus gespeicherten Bildern und unabhängig ablaufenden Gedankenmustern. Da intelligente Beobachter auch ohne individuelle Personen, sexuelle Fortpflanzung und soziale Kontakte denkbar sind, wäre zu untersuchen, warum sie im Fall des Menschen mit diesen gerade für die Ausbildung von Religion wichtigen Eigenschaften entstanden sind.

Im Christentum und einigen anderen Religionen gelten Glauben, Hoffnung und Liebe als besonders hohe Werte religiösen Handelns. Alle drei Aspekte leben davon, dass zwar viele Informationen erst den Anlass zu ihrer Ausprägung geben, aber einige weitergehende Informationen grundsätzlich nicht vorhanden sein dürfen:

Leicht einsichtig ist dieses beim Aspekt Hoffnung. Wäre die Zukunft bereits bekannt, könnte das spezifische Gefühl der Hoffnung nicht aufkommen. Damit dieser Teil der Religionsfähigkeit nicht gefährdet oder zu einem vorübergehenden Phänomen wird, sollte jede Art von direktem Einblick in eine erst später realisierte Zukunft grundsätzlich unmöglich sein.

In ähnlicher Weise gilt das für das Phänomen Liebe. Es bedarf zunächst individueller Personen und gegenseitiger Informationen, die Partner zur Liebe zu motivieren. Auch wenn der Wunsch nach umfassender Information der Liebe entspringt, sind Menschen so strukturiert, dass eine vollständige Kenntnis des Partners trotz dauerhafter Anstrengung niemals möglich ist. Um diese transzendentale Spannung des Phänomens Liebe dauerhaft zu erhalten, wäre es nötig, dass auch Psychologie und Neurologie stets letzte Geheimnisse verborgen bleiben und die aus der Science-Fiction-Literatur bekannten Ideen vollständiger Telepathie und Gehirnverschmelzung sich niemals realisieren lassen.

Eine besondere kosmische Dimension steckt im strukturell nötigen Informationsdefizit des Glaubens. Wäre uns der Schöpfer bekannt, gäbe es nichts zu glauben. Die transzendentale Spannung scheint aber schon darin zu liegen, dass seine Existenz nicht beweisbar ist. Die Einschätzung der Schöpfung, der Mitgeschöpfe und auch eigener Taten wird dadurch freier und von Verantwortung geprägt und Bedarf einer immer wieder neuen Ausrichtung am individuellen und aktuell gelebten Glauben. Ähnlich wie bei den beiden anderen Aspekten gehört auch die Suche nach Beweisen oder Zeichen des Schöpfers als Teil dieser transzendentalen Spannung dazu.

Eine typische Frage in Rahmen eines Religionsprinzips wäre: Wie muss ein Kosmos aussehen, der so angelegt ist, dass die Existenz des Schöpfers für entstehende Geschöpfe nicht beweisbar bleibt? Obwohl diese Frage sehr spekulativ ist, scheinen einige Konsequenzen einsichtig zu sein:

So darf der Anfang des Kosmos keine eindeutig auf den Schöpfer zurückführbare Eigenarten besitzen und es dürfen keine später beweisbaren, direkten Eingriffe des Schöpfers in den kosmischen Evolutionsprozess erfolgen. Alles Entstehende muss sich auf naturgesetzlicher Basis bilden und naturwissenschaftliche Erkenntnisse müssen immer auch areligiöse Erklärungsmuster zulassen, wie zum Beispiel die Vielweltentheorie.

Selbst der Glaube als eine indirekt, über Geschöpfe vermittelte Form göttlichen Eingriffs in das Weltgeschehen darf keine Beweise für die Existenz des Schöpfers liefern. Das dem so ist, ergibt sich unter anderem aus der Feuerbachschen Projektionshypothese für den Glauben als Summe allein vom Menschen ausgehender Wunschträume ohne realen Hintergrund.

Auswirkungen auf den christlichen Schöpfungsglauben
Ein Schöpfungsglauben, der nicht darauf reagiert, dass die Naturwissenschaft unser Weltbild seit der Zeit der Bibel stark verändert hat, wird mehr und mehr weltfremd und ist bei jeder Berührung mit der realen Welt gefährdet. Ein veralteter, nicht mehr vermittelbarer Schöpfungsglauben könnte auf diese Weise sogar zur Hauptursache für einen schwindenden Glauben werden, und damit auch zum Akzeptanzproblem der über den Schöpfungsglauben hinausgehenden christlichen Botschaft.

Es hilft daher, sich auf die Grundannahmen des christlichen Schöpfungsglaubens zu besinnen und zu versuchen, sich diese so glaubwürdig wie möglich in Rahmen des heutigen Weltbilds verständlich zu machen. Auf das Nötigste verkürzt lauten sie: Ein Schöpfer hat mich gewollt und sorgt für mich. Im Rahmen des vorgestellten Religionsprinzips könnte man diese Aussagen konkretisieren in der Form: Ein Schöpfer hat mich als religionsbefähigtes Wesen gewollt, mir mit dieser Fähigkeit Nähe und Zugang zu seinem Geist verschafft und mir dadurch ermöglicht, sowohl Werkzeug seines Schutzes zu werden, als diesen auch selbst zu erfahren.

Da die Entstehung von Religionsbefähigung sich nicht auf dem Weg des klassischen Determinismus, sondern, wenn überhaupt, nur im Rahmen eines von Zufälligkeiten und Freiheiten bestimmten Entwicklung erklären lässt, entschärft eine derart reduzierte Schöpfungsannahme das Theodizeeproblem. Sie ermöglicht zugleich aber auch eine von Urzeiten vorgesehenen Weg der Menschwerdung des Göttlichen, wie sie in der christlichen Botschaft für Jesus Christus verkündet wird.
Zum Autor
Dr. Gerd Weckwerth

seit 1995 Wiss. Mitarbeiter am Institut für Mineralogie und Geochemie der Universität Köln
    1983 Diplom in Physik (Mainz)
1984-1988 Promotion in Nuklear- und Kosmochemie am MPI für Chemie (Mainz)
1990-1993

Mitautor einer Technikfolgenstudie zur bem. Raumfahrt (DLR, Köln-Porz)

seit 1985 Leiter des Arbeitskreises „Naturwissenschaft und Glaube“ (ND-KMF)

weiterführende Literatur

Bernhard Lovell

Das unendliche Weltall. Geschichte der Kosmologie, Verlag C.H.Beck, München 1983

Reinhard Breuer

Das anthropische Prinzip, Meyster Verlag, Wien 1981
Paul Davis

Gott und die moderne Physik, Bertelsmann-Verlag, München 1986
Julien Ries

Ursprung der Religionen, Pattloch-Verlag, Augsburg 1993
John Gribbin und Martin Rees

Ein Universum nach Maß, Insel-Verlag, Frankfurt 1999
Christian de Duve

Aus Staub geboren-Leben als kosmische Zwangsläufigkeit, Rowohlt Verlag, Reinbek 1997
Ulrich Lüke

Mensch–Natur–Gott. Biologische Beiträge und theologische Erträge, Lit-Verlag,Münster 2002

Copyright © 2009 Naturwissenschaft und Glaube e.V

Schöpfungswand2018

Thema: NATUR ERLEBEN – NATUR  SCHÜTZEN
Rund 20 Teilnehmer erlebten sonnigen Wandertag
Nachdem wir in den letzten Jahren die drei anderen Heideportale besucht haben, war in diesem Jahr das 4. Heideportal auf der Burg Wissem in Troisdorf und die südl. Wahnheide unser Ziel. Nach einem kurzen Marsch zum ausgemachten Treffpunkt brachte uns ein alter Schweizer Postbus nach einer Fahrt mitten durch die Wahnheide über Altenrath nach Troisdorf. Auf der Burg Wissem konnten wir dann die für das Fest zum 1. Mai aufgebauten Stände und zwei aus diesem Anlass gratis zugängliche Museen besichtigen. Nach dem Mittagessen im Quattro Passi ging es durch den Park der Sinne vorbei am Schützenhaus bis zur Eremitage, den Resten eines vor ~200 Jahr vom Erzbistum Köln aufgehoben und abgerissenen Klosters. Den Abschluss bildete eine kurze Andacht in der evang. Kirche unweit des im Umbau befindlichen Bahnhofs, von wo es mit ÖPNV zurück zur Endhaltestelle der Linie 9 ging.

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